• 19.01.2012, 18:46:10
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"Die Presse"-Leitartikel: Je lächerlicher der General, desto unabhängiger der ORF, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 20.01.2012

Wien (OTS) - Die ORF-Journalisten sehen durch das Ende der "Causa
Pelinka" die Unabhängigkeit des Unternehmens gestärkt. Unoriginell
sind sie also nicht.

Also sind wir froh: Nikolaus Pelinka hat seine Bewerbung für den
Posten des Büroleiters des Generaldirektors des ORF zurückgezogen,
der Generaldirektor des ORF hat die Ausschreibung des Postens eines
Büroleiters des Generaldirektors des ORF zurückgezogen, die
Journalistinnen und Journalisten des ORF sehen dadurch die
Unabhängigkeit des Unternehmens "gestärkt", Roman Rafreider erklärt
via Twitter, dass Generaldirektor Alexander Wrabetz und Nikolaus
Pelinka "Größe" gezeigt hätten, Armin Wolf klassifiziert die
Erklärung von Alexander Wrabetz via Twitter als "bemerkenswert". AAA
plus AWG sozusagen: Alexander Am Anfang, Alles Wird Gut.

Man kann das sicher so sehen. Wenn man zum Beispiel der Meinung ist,
dass es von Größe zeugt, wenn sich der Generaldirektor des größten
Medienunternehmens des Landes am Nasenring durch die
SPÖ-Parteizentrale schleifen lässt und am Ende seinem präsumtiven
Bürochef großzügig die Möglichkeit einräumt, seine Bewerbung
zurückzuziehen, um seinerseits das Ausschreibungsverfahren
zurückzuziehen, das nach der Ernennung des Kandidaten begonnen hat
und jetzt vor dem Hearing der anderen Bewerber endet, weil der
Generaldirektor offensichtlich Nikolaus Pelinka braucht, nicht einen
Bürochef.

Wenn ein Vorgang, an dem zwei Personen beteiligt sind, außer
Kontrolle gerät und bereits ein erhebliches Maß an Kollateralschäden
hervorgerufen hat, muss der Stärkere die Initiative ergreifen und
handeln. Das hat Herr Pelinka getan, und, da muss man Herrn Rafreider
recht geben, es ist ein Zeichen von Wrabetz' Größe, wenn er begreift,
dass er von den zweien der Kleinere ist.

Man kann es auch so sehen, wenn man der Meinung ist, dass ein
Generaldirektor, der nach einem wochenlangen Eiertanz um eine
parteipolitische Personalie, deren Totaleskalation durch die biedere
Befolgung der bekannten Formalien verhinderbar gewesen wäre, am Ende
das erwartbar österreichische Ergebnis erzielt - sag' ma, es war nix
-, einen Beitrag zur Stärkung der Unabhängigkeit des
öffentlich-rechtlichen Rundfunks geleistet hat.

Zusammengefasst: Je lächerlicher sich der Generaldirektor macht,
desto unabhängiger ist der ORF. Vielleicht stimmt das ja, dann sollte
man es im Zuge der Änderung des ORF-Gesetzes, das die heldenhaften
Redakteurinnen und Redakteure weiterhin fordern, gleich auch
rechtlich fixieren. Das würde den Parteien die Auswahl erleichtern
und dem Unternehmen zu viele Wechsel an der ORF-Spitze ersparen.

Damit hätte dann auch endlich der Mythos eine gesetzliche Grundlage,
der davon erzählt, dass seit der ersten Wahl von Alexander Wrabetz im
Sommer 2006 eine nie da gewesene Art der journalistischen
Unabhängigkeit auf dem Küniglberg Einzug gehalten habe. Jetzt endlich
dürfen die Kolleginnen und Kollegen in den ORF-Redaktionen nach ihrer
eigenen Definition von journalistischer Freiheit machen, was sie
wollen, was den nicht zu unterschätzenden Vorteil hat, dass es zu
einem dramatischen Rückgang der politischen Interventionen kommt -
weil sie nicht mehr notwendig sind. Dies umso mehr, als die rot-grüne
Zweidrittelmehrheit der ORF-Belegschaft weltanschaulich großzügig
genug ist, auch das großkoalitionär-sozialpartnerschaftliche Ostinato
der Republik in ihre Komposition der österreichischen
Medienwirklichkeit einfließen zu lassen.

Dass die Journalisten ihren Generaldirektor jetzt wieder für einen
Großen halten, ist ihr gutes Recht, und es ist auch gut
nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass sie sich seine
bewundernswerte Aussendung im Großen und Ganzen selbst geschrieben
haben. Wer hat schon einen Chef, der die große Stärke seines
Unternehmens darin sieht, dass die Belegschaft bereit ist, die
Fehler, die er macht, durch öffentlichen Protest einer
Scheinkorrektur zuzuführen?

Es gilt wohl das abgewandelte Wort aus Brechts "Der gute Mensch von
Sezuan", das Marcel Reich-Ranicki immer ans Ende seines
"Literarischen Quartetts" gestellt hat: "Und so sehen wir betroffen /
Den Vorhang zu und alle Fragen offen."

Wollen wir also hoffen, dass der Generaldirektor diesmal allen alles
gibt, was er ihnen versprochen hat.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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