DER STANDARD-Kommentar: "Das Ost-Risiko ist unbestreitbar" von Eric Frey

Der Fall Ungarn zeigt, dass Österreichs Banken nicht auf der sicheren Seite sind // Ausgabe vom 18.01.2012

Wien (OTS) - Seit der US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman im April 2009 eine Staatspleite Österreichs wegen der Ostengagements seiner Banken in den Raum gestellt hatte, kämpfen heimische Banker und Politiker gegen den Eindruck an, von der Oststrategie von Raiffeisen, Erste Group und Bank Austria gehe für die Volkswirtschaft ein unkontrollierbares Risiko aus. Nach Jahren der Ruhe hat die Ungarn-Krise neue Zweifel an der Auslandsstrategie der Banken erweckt; für die US-Ratingagentur Standard & Poor's ist die starke Verflechtung mit dem Nachbarland einer der Hauptgründe für die Aberkennung des Triple-A-Ratings.
Banker wie RZB-Chef Walter Rothensteiner schlagen nun ähnlich schrille Töne wie 2009 an: Die Argumentation von S&P sei "Unfug" und eine "generelle Schlechtmache Osteuropas". Und Kanzler Werner Faymann wischt das Ostrisiko mit dem Hinweis vom Tisch, dass Nationalbank und FMA ohnehin schon "an einer Stabilisierung der Situation" arbeiten. Wirklich beruhigend klingt das nicht.
Offenbar verstehen die heimische Eliten das Wesen von Risiko nicht, oder sie verzerren in ihren Rechtfertigungsversuchen bewusst die Fakten. Niemand behauptet heute, dass ganz Osteuropa pleite_gehen wird, dass die Banken in ihrer Existenz gefährdet sind oder dass sich Österreich eine neuerliche Bankenrettung nicht leisten kann.
Aber die Region an sich ist volatil, wie auch die "Wiener Initiative" feststellt. Ungarn ist ein Kandidat für eine Staatspleite, und die drei Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission erhöhen diese Gefahr. Die Kommission fordert von Premier Viktor Orbán eine Kehrtwende in Kernbereichen seiner Politik, was sein Einlenken sehr unwahrscheinlich macht. Setzt Orbán stattdessen auf Konfrontation, dann dürften die ausländischen Banken, wie bei der Zwangsumwandlung der Frankenkredite, erneut zur Zielscheibe seines Populismus werden. Die Ungarn sind nicht die einzigen Problembären. Rumänien, wo die Erste Group stark engagiert ist, steht wirtschaftlich und politisch an der Kippe, und die Ukraine ist völlig unberechenbar. Selbst im stabilen Polen wächst die Gefahr finanzieller Turbulenzen. Und Fremdwährungskredite haben in der ganzen Region Sprengpotenzial. Nun stimmt es, dass ein Großteil der im Osten vergebenen Kredite durch lokale Einlagen gedeckt ist. Ein Großteil, aber nicht alles, und gerade die neuen Richtlinien der heimischen Aufsicht, die Kredite einzuschränken, sind ein Zeichen dafür, dass Darlehen oft zu rasch und leichtfertig vergeben wurden. Sonst wäre diese Anweisung, die in Brüssel und in betroffenen Staaten auf Kritik stößt, ja nicht notwendig.
Knapp 40 Prozent des österreichischen BIPs würde ein Totalkollaps des Ostgeschäfts der Banken kosten. Das wird zwar nicht passieren, aber allein die theoretische Möglichkeit ist ein Grund zur Vorsicht. Die Oststrategie der Banken war zweifellos richtig und hat in früheren Jahren viel Gewinn gebracht. Doch hohe Profite sind bekanntlich immer nur dort möglich, wo auch viel Risiko eingegangen wird.
Nichts anderes als das hat S&P behauptet. Österreich bleibt mit einem AA+-Rating eines der sichersten Länder der Welt. Aber die Unvorhersehbarkeit der Entwicklung im Osten und die massiven Folgen eines Finanz-Tsunamis auf Österreichs Wirtschaft geben jenen Recht, die Länder wie Deutschland, Finnland oder die Niederlande noch etwas sicherer einschätzen.

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