• 30.12.2011, 18:36:27
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DER STANDARD-Kommentar "Vom Pumpen zum Sparen" von Alexandra Föderl-Schmid

Für Europa ist ein Umkrempeln des Wirtschaftssystems eine Überlebensfrage /// Ausgabe vom 31.12. 2011/1.1.2012

Wien (OTS) - Jahreswechsel ist die Zeit des Innehaltens, des
Infragestellens. Das Jahr 2011 bietet mit dem Arabischen Frühling,
der Atomkatastrophe von Fukushima und der Eurokrise mehr als genug
Anlässe.
2012 wird zu einem Schicksalsjahr für Europa: Der Euro wackelt, die
Konjunktur lahmt, und die Politik muss Entscheidungen weg vom
Nationalstaat hin nach Brüssel verlagern. Aber es geht um noch viel
mehr: ob das derzeitige Wirtschaftssystem zukunftsträchtig ist.
In den vergangenen Jahrzehnten haben Veränderungen stattgefunden,
deren Auswirkungen 2011 geballt zu spüren waren: Wir sind vom
Sparkapitalismus zum Pumpkapitalismus übergegangen, wie Ralf
Dahrendorf festgestellt hat. Die Finanzkrise 2008 war unter anderem
Folge eines spekulativ aufgeblähten Wirtschaftswachstums in den USA
und einer weltweiten kreditfinanzierten Massenspekulation. Während
lange Zeit Arbeit und wachsende Produktivität, also ein Überschuss an
Leistung, der Motor der Wirtschaftsentwicklung waren, sind es heute
Konsum und wachsende Verschuldung. Nicht Sparen, sondern Leihen hält
die Wirtschaft in Gang.
Banken fragen nicht um ausreichende Sicherheiten nach, wenn Kredite
an Einzelpersonen oder Unternehmen vergeben werden; Gemeinden bauen
auf Pump, und Staaten verschulden sich immer mehr. Was das im
europä-ischen Maßstab bedeutet, weiß mittlerweile jeder
Zeitungsleser.
Im Jahr 2011 wurde der Kreislauf der kreditgestützten Wirtschaft
weiter in Gang gehalten: Es wurden klammen Staaten Milliarden zur
Verfügung gestellt - basierend auf dem Prinzip Hoffnung: dass künftig
alles besser läuft. Am System wurde nichts Grundlegendes geändert. So
wird weiter auf künftige Wertschöpfung gesetzt, die schon jetzt
verbraucht wird. Eine steigende Staatsverschuldung ist eine offene
Rechnung, die Kindern und Enkel hinterlassen wird.
Die europäischen Staaten haben im derzeitigen System gar keine andere
Möglichkeit, als sich zu verschulden. Italien hat sich in den
vergangenen Tagen schon 18 Milliarden vom Kapitalmarkt ausgeliehen
und muss sich im kommenden Jahr 440 Milliarden Euro von Investoren
holen, um alte Kredite abzulösen, Zinsen zu zahlen und das Budgetloch
zu schließen. Die Länder der Eurozone brauchen 2012 insgesamt 1516
Milliarden Euro. Dazu kommen noch die Banken, die mehr Liquidität
benötigen - also unterm Strich ein Kapitalbedarf von mehr als 2000
Milliarden Euro. Wer leiht den Europäern so viel Geld? Und warum
sollten ihnen - also uns - Anleger aus aller Welt trauen, wenn wir
weitermachen wie bisher?
Europa steht mit seinen massiven Schulden nicht allein da. Die USA
haben eine Rekordverschuldung. Die Neuverschuldung beläuft sich auf
fast 1,5 Billionen Dollar oder rund zehn Prozent der
Wirtschaftsleistung. Aber die Europäer sind mit einer Vertrauenskrise
konfrontiert. Das Zauberwort Schuldenbremse ist Investoren zu wenig,
zumal am Beispiel Österreich zu sehen ist, wie schwierig die
Umsetzung dieses Ziels ist.
Dass Europa die Schuldenkrise Ende 2012 gemeistert haben wird, wie
der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble meint, beruht auf der
Hoffnung, dass alle Staaten einen Kurswechsel vollziehen werden. Für
die Europäische Union ist es eine Überlebensfrage, ob eine Rückkehr
vom Pumpkapitalismus zum Sparkapitalismus gelingt.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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