"Die Presse am Sonntag"-Leitartikel: Ein Genozid ist ein Genozid, von Rainer Nowak

Ausgabe vom 18. Dezember 2011

Wien (OTS) - Der türkische Präsident droht wieder in Richtung Europa. Es geht um die Leugnung des Völkermords an den Armeniern in der Türkei vor bald 100 Jahren. Ein Randthema? Nicht für unsere Glaubwürdigkeit.

Ohne diplomatische Immunität könnte der türkische Botschafter in Paris schon bald ein Problem haben: In Frankreich ist ein neues Gesetz in Planung, das die Leugnung des Genozids an der armenischen Volksgruppe im Osmanischen Reich 1915-1917 verbietet und mit hohen Strafen bei Nichtbefolgung belegt.

Dieses Verbotsgesetz ist wohl auch eine Provokation, um den von der Türkei offiziell verdrängten bzw. geleugneten Völkermord zu thematisieren und die Türkei zu einer Diskussion zu zwingen. Und das ist sichtlich notwendig, wie die offizielle Reaktion der Türkei zeigt: Sollte das Gesetz beschlossen werden, hätte dies "schwere Folgen", wie der türkische Premier Erdogan erklärte. Und damit meint er offenbar nicht nur den Austausch der üblichen diplomatischen Freundlichkeiten, wie sie Botschafter von der einen in die andere Hauptstadt komplementieren. Noch vor Kurzem drohte Erdogan übrigens mit der Ausweisung tausender armenischstämmiger Türken.

Interessanterweise meldet sich kein europäischer Staatschef, stellt sich solidarisch an die Seite von Nicolas Sarkozy und warnt Erdogan vor "schweren Folgen", wenn sich die Türkei und ihre Regierung nicht endlich zu einer echten historischen Aufarbeitung und Anerkennung des Völkermords entschließen. Aber in Europa herrscht die Meinung vor, dass man die Rücksicht und Toleranz, die einem nicht zuteil wird, zumindest anderen entgegenbringen sollte. Es ist interessant, dass diese Haltung so selten zumindest als das kommuniziert wird, was sie ist: (unfreiwillig) christlich.

Vertreter der türkischen Regierung erinnern im Zusammenhang mit den Armeniermorden die Franzosen gern daran, dass diese doch ihre eigene grausame Geschichte in der Kolonialzeit aufarbeiten, also quasi vor der eigenen Tür kehren sollten. Stimmt, Frankreich hat noch einiges an Vergangenheitsbewältigung, etwa für das Vorgehen im Algerischen Unabhängigkeitskrieg, vor sich. Aber genau diese "Hinweise" und "Vergleiche" kennzeichnen die Argumentation eines Landes oder einer Person, die ihre historische Schuld verkleinern oder verharmlosen will: So relativieren Stalins Millionen Massenmorde oder die Beinahe-Ausrottung der indianischen Urbevölkerung eben auch niemals den Holocaust.

Das muss auch die Führung eines wirtschaftlichen boomenden Landes wie die Türkei anerkennen, deren Bürger noch die Spur stolzer auf ihr Land als andere sind. Es ist historisch bewiesen, dass es zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts einen Genozid in der Türkei gegeben hat. Auch in den Archiven der damals türkischen Verbündeten, in Deutschland und Österreich-Ungarn, fanden sich genügend Beweise. Hunderttausende wurden während zielloser Todesmärsche durch Kleinasien ermordet.

Beschrieben hat das als einer der wenigen in "Die vierzig Tage des Musa Dagh" mit Franz Werfel ein Österreicher. Auch wenn wir derzeit andere, drängendere Sorgen haben. Einen moralischen Auftrag, für die historische Gerechtigkeit aktiv zu werden, gäbe es für die Außenpolitik Europas und Österreichs.

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