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"Die Presse"-Leitartikel: Ein großes Land mit Großmachtträumen, von Jutta Sommerbauer
Ausgabe vom 05.12.2011
Wien (OTS/Die Presse) - Russland will seine inneren Schwächen
vermehrt außenpolitisch wettmachen. Und die Europäische Union sieht
dabei ratlos zu. Das ist ziemlich besorgniserregend.
Wenn russische Intellektuelle in die Zukunft blicken, dann sieht
diese stets düster, um nicht zu sagen dunkelschwarz aus - und
autoritär. Als Jewgenij Samjatin im Jahre 1920 mit "Wir" seine
Zukunftsvision der Sowjetunion verfasste, gab er den Menschen Nummern
statt Namen und ließ sie durch ein stets kontrolliertes und
"mathematisch vollkommenes Leben" hasten, in dem nur beizeiten der
störende Gedanke auftauchte, dass die "absolute, endgültige Lösung
des Problems Glück" selbst dort noch nicht gefunden war.
Gegenwärtig hat Wladimir Sorokin das Russland des Jahres 2027 als
einen Staat porträtiert, der sich mit einer "Großen Westmauer" von
Europa abgeschottet hat, um sich alles Fremde vom Hals zu halten.
Sein Russland steht unter der brutal-dumpfen Gewaltherrschaft eines
allmächtigen "Gossudaren", dessen Geheimdienst raubend und mordend
durchs Land zieht, um es von seinen letzten inneren Feinden zu
befreien.
Ganz so düster, wie es die Literaten ihren Bürgern vorgehalten haben,
dürfte es nicht werden - selbst wenn Russlands künftiger Präsident
Wladimir Putin bis 2024 im Amt bleiben sollte, was immerhin möglich
ist. Aus heutiger Sicht nimmt sich selbst dieser Gedanke wie eine
literarische Fiktion aus: Putin wirkt schon heute, ein halbes Jahr
vor der Inauguration seiner dritten Präsidentschaft, altersschwach.
Bitte nicht falsch verstehen: Natürlich jagt, reitet und kämpft Putin
wie eh und je; natürlich wirkt er im Licht der Kameras im Gegensatz
zum auf den Premiersessel verwiesenen, treuherzig blickenden Dmitrij
Medwedjew wie ein echter Macher.
Doch Putins Problem ist ein anderes, viel substanzielleres: Seit
seinem Amtsantritt als Präsident im Jahr 2000 hat er Russland
geführt, geordnet und stabilisiert. Doch dieses Rezept reicht
mittlerweile nicht mehr aus - das muss auch er ahnen. Die heute
20-Jährigen, die im Jahr des Zusammenbruchs der Sowjetunion geboren
wurden, haben keine traumatischen Erinnerungen mehr an wirre Jahre
nach dem Ende des Kommunismus. Einige von ihnen verfügen über gute
Einkommen, sie können reisen und sich mit eigenen Augen überzeugen,
wie es anderswo ist. Und dass es anders gehen kann. Stabilität als
Zukunftsparole ist für diese Generation unbefriedigend, ebenso wie
für die Mittelschicht, die sich dank der im vergangenen Jahrzehnt
gestiegenen Rohstoffeinnahmen und der wirtschaftlichen Stabilisierung
gebildet hat.
Es ist nicht die Gefahr der autoritären Herrschaft, die mit "Putin
III" wächst - kein "Gossudar" nach Sorokins Vorbild zieht demnächst
in den Moskauer Kreml ein. Gerade mit der Unfähigkeit, wirkliche
Reformen anzugehen und verkrustete Strukturen aufzubrechen, wächst
die Gefahr der Instabilität im Riesenreich.
Die stockende Modernisierung im Inneren scheint die Staatsführung mit
einer Bombastik in den Außenbeziehungen wettmachen zu wollen: Das
große Land, das nicht nur mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen
hat, sondern die Desintegration im Nordkaukasus seit Jahren nicht in
den Griff kriegt, will auf der internationalen Bühne weiterhin
Großmacht spielen. Putin, der schon 2005 den Zusammenbruch der
Sowjetunion als "größte geopolitische Katastrophe" des 20.
Jahrhunderts bezeichnet hat, will Russlands Führungsrolle im
postsowjetischen Raum sichern.
Die mit Weißrussland und Kasachstan geschlossene Zollunion, die um
Tadschikistan und Kirgisistan erweitert werden könnte, soll zu einer
viel umfassenderen Eurasischen Union ausgebaut werden - ein erklärtes
Gegenprojekt zur Europäischen Union. Wenn diese Staaten schon
unabhängig sein müssen, will man sie zumindest wirtschaftlich und
geopolitisch an sich binden.
In Zentralasien hatte die EU - trotz der im Jahr 2007 stolz
verkündeten neuen Zentralasienstrategie - nie viel zu melden. Aber im
Fall der Ukraine, der Republik Moldau und Weißrusslands ist die Sache
umso verheerender: Von der europäischen Nachbarschaftspolitik hat man
schon lange nichts mehr vernommen. Die EU ist in ihrer eigenen Krise
gefangen - und blickt ratlos nach Osten. Das kommt Russland gerade
recht: Umso leichter fällt es der Großmacht, die keine ist, sich als
solche darzustellen.
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