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Die Presse - Leitartikel: "In schlechten Rankings steckt eine große Portion Wahrheit", von Josef Urschitz

Ausgabe vom 30.11.2011

Wien (OTS) - Man kann Ratingagenturen hinterfragen, aber dass
"unsinkbare" Banken ganze Staaten und damit deren Kreditwürdigkeit
gefährden - daran sind sie nicht schuld.

Am Dienstag ist es ganz dick gekommen: Nicht nur Frankreich steht
jetzt auf der "Downgrading"-Liste der Ratingagenturen ganz oben. Auch
87 europäische Großbanken, darunter neun österreichische, müssen um
die Ratings für ihre nachrangigen Schulden zittern.
Man kann darauf jetzt natürlich mit Dumpfbackenpopulismus der Marke
"ÖAAB-Spitzenfunktionär" oder "SPÖ-Gerechtigkeitskämpfer" reagieren,
über die gemeinsame Verschwörung des internationalen Spekulantentums
und der US-Hochfinanz gegen den Euro wettern und eine europäische
Ratingagentur fordern, die "freundlicher" wertet.
Dass viele dieser "Spekulanten" nicht mit fieser Grimasse in
abgedunkelten Wall-Street-Zimmern sitzen, sondern gerade versuchen,
mit Finanztransaktionen ein bisschen Rendite für die
Lebensversicherung oder den Pensionsfonds, den man selbst besitzt,
herauszuschinden, muss man ja nicht groß herausstreichen.
Dämonisierung bringt eindeutig mehr politisches Kleingeld.
Man kann die Rolle der großen Ratingagenturen auch seriöser
hinterfragen. Diese scheinen dies- und jenseits des Atlantiks ja
tatsächlich Bewertungsmaßstäbe mit unterschiedlicher Strenge
anzuwenden. Und man kann über die "Macht" dieser privaten
Bewertungsagenturen jammern.
Es hilft aber nichts, weil es den Kern der Sache nicht trifft. Die
zweifellos vorhandene Macht der Ratingagenturen kommt davon, dass
ihre Bewertungen von Anleihekäufern auf der ganzen Welt offenbar sehr
ernst genommen werden. Es wird ja niemand daran gehindert, ohne
Rücksicht auf Ratings sackweise griechische Staatsanleihen
einzukaufen oder Italien Geld um zwei Prozent Zinsen zu leihen. Aber
wenn es schiefgeht, wird sich der betroffene Pensionsfondsmanager
unangenehme Fragen über seine Methode der Bonitätsprüfung gefallen
lassen müssen.
Wir haben also, objektiv gesehen, ein kleines Problem mit
hinterfragenswerten Bewertungsunterschieden der Ratingagenturen
zwischen Amerika und Europa. Und ein großes mit dem, was diese
Agenturen berichten, wenn sie die Qualität der Verbindlichkeiten von
Staaten und Banken bewerten. Beim Ringen um "AAA" oder "BB" geht es
ja um die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Schuldner seine
Verbindlichkeiten in vollem Umfang wird begleichen können. Und diese
Kreditqualität hat sich bei den Staaten der Eurozone (und bei den
USA, die ja auch auf der Downgrading-Liste stehen) tatsächlich
verschlechtert.

Vor allem aber hat sich die Fähigkeit der Staaten verschlechtert,
ihre viel zu großen "Systembanken" im Fall des Falles aufzufangen. Um
genau das geht es beim jüngsten Moody's-Vorstoß. Und da haben die
Herrschaften von der Ratingagentur leider recht: Die kumulierte
Bilanzsumme der drei größten heimischen Banken macht beispielsweise
annähernd das Dreifache des heimischen BIPs aus, die ausstehenden
Ostschulden immerhin noch etwas mehr als das BIP. Größere Probleme,
die auch nur eines dieser Institute in wirklich ernste Schieflage
bringen, wären für die Republik nur um den Preis der Staatspleite zu
meistern. Dasselbe gilt natürlich auch etwa für die Schweiz, deren
zwei Großbanken UBS und CS ein Vielfaches des BIPs ausmachen. Und für
Deutschland. Und so weiter.
Strengere Kapitalvorschriften, wie sie bereits beschlossen sind,
lindern das Problem ein wenig, schaffen es aber nicht aus der Welt.
Die Lösung könnte nur ein "Trennbankensystem" sein, bei dem die
großen Institute in einen Teil mit traditionellem Einlagen- und
Kreditgeschäft (das notfalls vom Staat aufgefangen würde) und in
einen spekulativen Investmentbankingteil geteilt werden, der im
Notfall einfach in die Insolvenz geschickt werden kann, ohne dass der
Spargroschen der ganzen Nation draufgeht.
Das ist international aber noch nicht einmal richtig angedacht.
Deshalb werden die vielen "unsinkbaren" Titanics, die immer noch
recht riskant im eisbergbestückten Finanzmeer herumkreuzen, nicht nur
die eigene, sondern auch die Kreditwürdigkeit von Staaten weiter
gefährden. Dafür kann man aber wirklich nicht die Ratingagenturen
verantwortlich machen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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