• 25.11.2011, 18:30:54
  • /
  • OTS0256 OTW0256

"Die Presse" - Leitartikel: Die Krise zeigt: Ökologie ist Ökonomie, von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 26.11.2011

Wien (OTS) - Die Debatte über die Erderwärmung hat sich abgekühlt,
die akademischen Wurzelseppen sind ruhiger geworden, die Welt geht
vielleicht doch nicht unter.

Die vergangenen beiden Jahre scheinen auf den ersten Blick eine alte
Hypothese zu bestätigen: Umweltfragen sind Luxusfragen.
Solange Wachstum und Konsumfreude herrschen, finden die ökologischen
Kassandren Gehör. Das schlechte Ökogewissen verkauft sich gut als
hübsches Accessoire der intellektuellen Mode. In Zeiten der Krise
hingegen, wenn die Einschränkung vom aparten Gegenmodell zum
hässlichen Alltag wird, sinkt offensichtlich auch die Rentabilität
des schlechten Gewissens.
Wer den Nerv hätte, sich dieser Tage hinzustellen und seine
Genugtuung darüber zum Ausdruck zu bringen, dass jetzt endlich
Schluss mit dem jahrzehntelangen "Wachstumswahn" ist, der zum
Ersticken des Planeten führe, könnte über einen Mangel an
Aufmerksamkeit gewiss nicht klagen. Wie kommt es also, dass nach dem
großen Konferenz-Hype von Kopenhagen die Untergangsgesänge, die in
den akademischen Kathedralen der Apokalyptiker nach wie vor
gewissenhaft geprobt werden, kaum noch öffentlich zur Aufführung
gelangen?
Nun, zunächst einmal scheinen, erstens, die Vorstände der
Klimaindustrie, bei aller Neigung zu Prinzip und Dogma, einen
gesunden Sinn für den Pragmatismus zu haben. In Zeiten, in denen die
Sparpakete ungefähr so groß sind wie die Wachstumssehnsüchte, kommt
es nicht sonderlich gut, Einschränkungen in Konsum und Lebensstil zur
Überlebensfrage zu erklären.
Zweitens hat sich in der medialen Darstellung des Themas
"Klimapolitik" ein gewisser Realismus durchgesetzt. Seit klar
geworden ist, dass die Grundlagen der Prognosen über
durchschnittliche Temperaturanstiege mangels Referenzgröße hart an
der Grenze zur wissenschaftlichen Willkür liegen, sind auch die
moralischen Randsteinschwalben des Ökoboulevards etwas vorsichtiger
geworden. Versinkende Inselwelten, verbrannte Strände und ausgedörrte
Almen lassen sich nicht mehr so schön herbeifantasieren, seit auch
das "Krone"-Publikum den Verdacht haben muss, dass die Apokalypse
nicht ganz so sicher ist wie der tägliche Brief von Herrn Jeannée.
Drittens haben die Politiker inzwischen andere Sorgen. Während der
Boomjahre hatte die internationale Klimapolitik vor allem den Zweck,
unterqualifizierten Politikern die Ablenkung von der Tatsache zu
ermöglichen, dass sie ihr Handwerk nicht verstehen. Sie konnten so
tun, als wären die Defizite, die sie während der Hochkonjunktur
erwirtschaftet hatten, nicht das Ergebnis ihrer Unfähigkeit, sondern
ein Zeichen ihrer besonderen ökologischen Weitsicht. Inzwischen
wurden sie von der Wirklichkeit eingeholt.
Viertens hat sich gezeigt, dass die permanente Androhung der
Apokalypse sich irgendwann erschöpft. Die Ressource Angst-Lust, auf
der die Klimawandelindustrie basiert, scheint ebenso endlich zu sein
wie die fossilen Energieträger. Wer jedes Jahr hört, dass es noch
genau ein Jahr lang die Möglichkeit zur radikalen Umkehr gibt, ehe
die totale Katastrophe mit der Perspektive eines Weltuntergangs
unausweichlich ihren Lauf nimmt, verliert irgendwann die Lust an der
Angst.

Durch die Krise wird der rationale Anteil am Klima-Diskurs gestärkt.
Energie-Effizienz, sparsamer Umgang mit Ressourcen überhaupt,
technologische Innovation: Die Rezepte gegen die Krise gleichen den
Rezepten gegen die negativen Folgen menschlichen Einflusses auf die
klimatischen Bedingungen. Das gibt zwar emotional weniger her als das
Raunen der akademischen Wurzelseppen von Sünden wider die Urmutter
Gaia und die sektiererische Interpretation von zyklischen
Wetterphänomenen als Rache der Natur. Aber es wird, im Unterschied zu
den selbstgefälligen Moralpredigten sogenannter Wissenschaftler,
konkrete, messbare Auswirkungen haben.
Einem zweiten Blick hält die Hypothese vom Umweltschutz als
Luxusphänomen nicht stand. Zwar gerät ökologisches Denken in Zeiten
der Krise aus dem Fokus der Medien - die sind derzeit mit Untergängen
gut versorgt. In der Sache aber kann der Ökologie nichts Besseres
passieren als eine Krise: Sie offenbart, dass zwischen Ökologie und
Ökonomie kein Unterschied besteht.

Rückfragehinweis:
[email protected]

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel