Experten sehen steigenden Bedarf an ÄrztInnen in Österreich Lebhafte Diskussion über drohenden Ärztemangel

Wien (PK) - Auf Einladung des Dritten Nationalratspräsidenten Mag. Dr. Martin Graf (FPÖ) diskutierten Experten am Dienstagabend im Abgeordnetensprechzimmer des Parlaments das Zukunftsthema "Droht Österreich ein Ärztemangel?"

Vor breitem fachkundigem Publikum, darunter die Präsidenten der Landesärztekammern von Oberösterreich und Salzburg, Dr. Peter Niedermoser und Dr. Karl Forstner, legte Präsident Graf einleitend dar, dass er einen Ärztemangel auf Österreich zukommen sehe. In Anbetracht der von der EU-Kommission errechneten 230.000 Ärzte, die in zehn Jahren in der gesamten Union fehlen würden, habe der "Wettstreit um die ÄrztInnen" längst begonnen. "Österreich hat hier aus mehreren Gründen Wettbewerbsnachteile", erläuterte Graf. Ein wesentlicher Grund liegt seiner Meinung nach in den Zugangsbeschränkungen an den Medizin-Universitäten, wodurch nur rund 1150 neue StudentInnen pro Jahr das Studium beginnen können. "Davon sind auf Grund der Quoten für AusländerInnen nur 75 Prozent ÖsterreicherInnen, also etwa 860", so Graf. Wenn man dann noch die StudienabbrecherInnen und jene, die nach dem Studium ins Ausland gehen und dort bleiben, wegrechne, so sei damit ein Ersatz der innerhalb der nächsten 20 Jahre ins Pensionsalter kommenden ÄrztInnen nicht möglich.

Auf Basis dieses pessimistischen Zukunftsszenarios eröffnete die Obfrau des parlamentarischen Gesundheitsausschusses, Abgeordnete Dagmar Belakowitsch-Jenewein (FPÖ) die Diskussion. Sektionschef Dr. Clemens Martin Auer aus dem Bundesministerium für Gesundheit sah weniger ein Problem in den Ärztezahlen als vielmehr einen Mangel in bestimmten Fächern bzw. Regionen. Die Zahl der ÄrztInnen sei in letzter Zeit stark angestiegen, in den letzten zehn Jahren um etwa 25 Prozent, in den letzten zwanzig Jahren gar um 73 Prozent auf aktuell österreichweit etwa 40.000 ÄrztInnen. Als wesentlich für die Zukunft erachtete Auer eine Reform bei der postgradualen Ausbildung zum AllgemeinmedizinerIn bzw. FachärztIn. Hier seien aktuell einige gute Vorschläge in Diskussion. Bei der bereits mehrmals angekündigten Ärztebedarfsstudie verwies Auer auf "methodische Interpretationsschwierigkeiten" zwischen den Partnern der Studie. Sie sei aber "auf dem Weg".

Der Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Primarius Walter Dorner, beklagte insbesondere die Rahmenbedingungen des Ärzteberufs, die dazu beitragen würden, dass ein Ärztemangel entstehe bzw. viele promovierte MedizinerInnen dem Gesundheitswesen nicht nachhaltig erhalten blieben. Insbesondere nannte Dorner die hohe Arbeitsbelastung, die Dienstzeiten, die Bürokratie, die langen Wartezeiten auf Ausbildungsplätze sowie die fehlende Familienverträglichkeit des Arztberufs während der Ausbildung. Die Etablierung einer exzellenten Ausbildungskultur sei allerdings auch eine Bringschuld der ÄrztInnen. "Im Jahr 2020 wird man sich vor 70jährigen ÄrztInnen niederknien, damit sie in ihren Ordinationen bleiben", rechnet Dorner mit einem Ärztemangel in absehbarer Zeit.

Der Vizepräsident der Ärztekammer des Freistaats Sachsen, Erik Bodendieck, stellte das Ausbildungsmodell in seiner Heimat vor. In Sachsen schließt an das sechsjährige Studium direkt eine fünf- oder sechsjährige Facharztausbildung an. Es gibt keine Wartezeit. Für die Organisation und auch die Qualität der Ausbildung ist ausschließlich die Ärztekammer verantwortlich. "Der Staat tut gut daran, die ÄrztInnen ihre Angelegenheiten selbst regeln zu lassen", so Bodendieck. Die effiziente Organisation ist für viele österreichische Medizin-AbsolventInnen ein Grund, die Facharztausbildung in Sachsen zu absolvieren. Rund 80 ÄrztInnen aus Österreich seien dort ständig tätig, erzählte Bodendieck. Insgesamt arbeiten mehr als 2000 österreichische ÄrztInnen in Deutschland.

Auch Bodendieck sieht einen steigenden Ärztebedarf, der vor allem durch die demographische Entwicklung und die steigende Lebenserwartung der Menschen, aber auch durch die fortschreitende Spezialisierung im Arztberuf als Folge der wissenschaftlichen Entwicklung getrieben sei. "Aber die ÄrztInnen haben auch das Recht, eine Arbeitswoche von maximal 42 oder 45 Stunden zu fordern", so Bodendieck. Außerdem würden sich die Ansprüche der JungärztInnen ändern. Viele von ihnen - Frauen wie Männer - wollen auch Zeit für ihre Familien haben. "Auch das schafft zusätzlichen Bedarf", wies der Gast aus Sachsen auf die Notwendigkeit von mehr ÄrztInnen hin.

Aus der Sicht des Ökonomen beleuchtete ao. Univ.-Prof. Gottfried Haber von der Universität Klagenfurt das Thema Ärztemangel. Das Problem seien die nicht funktionierenden Märkte im Gesundheitswesen. Zusätzliche Nachfrage nach Gesundheitsleistungen werde als Belastung empfunden, weil diese Leistungen öffentlich finanziert werden müssen. Auch auf der Angebotsseite gebe es Probleme, weil das System Universität danach trachte, möglichst wenige Studierende auszubilden - ebenfalls aus Kostengründen. Beim Versuch, in dieses System einzugreifen, ortet Haber Staatsversagen, weil das System nicht durchgängig funktioniere. Insbesondere die langen Wartezeiten in der Ausbildung seien für ihn als Ökonom Warnsignale. Auf Grund dieser Umstände und der stets steigenden Nachfrage rechnet auch Haber mit dem Auftreten eines Ärztemangels in Österreich. Der Volkswirtschafts-Professor regte an, Österreich zum Medizin-Exportland zu entwickeln. Sowohl das Studium als auch die Behandlung in Österreich könne auch AusländerInnen angeboten werden. Voraussetzung sei dafür allerdings, die Systeme so zu reformieren, dass von den ausländischen StudentInnen bzw. PatientInnen zumindest die Kosten abgedeckt würden. (Schluss)

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