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"Die Presse" - Leitartikel: Weniger Bauchgefühl, mehr Kopfarbeit, von Ulrike Weiser
Ausgabe vom 07.11.2011
Wien (OTS) - Die Politik zeigt sich beim Thema
Fortpflanzungsmedizin bisher notorisch ideenlos. Doch von allein
verschwinden weder offene Fragen noch Risken.
Es ist eine Situation, über die man erst nachdenkt, wenn man
drinsteckt: Dann, wenn einem der Gynäkologe mit professionellem
Bedauern mitteilt, dass es "auf natürlichem Weg" mit dem Baby nicht
klappen wird. Und dass andere Optionen nicht erlaubt sind, zumindest
nicht in Österreich. Erst in diesem Moment bekommt ein Wort wie
"Eizellspende" eine reale Bedeutung.
Zirka 500 Frauen (und ihre Partner) bräuchten Schätzungen zufolge
eine Eizelle von einer anderen Frau, um sich ihren Kinderwunsch zu
erfüllen. Das Gesetz versperrt diesen Weg - zu Recht, wie der
Europäische Gerichtshof für Menschenrechte jüngst festgestellt hat.
Wenn man das Urteil genau liest, sagt es jedoch nur, dass das Verbot
in den 90ern - damals kam der Fall vor Gericht - rechtmäßig war.
Ausdrücklich weist der Gerichtshof darauf hin, dass sich der
europäische Trend seither in eine andere Richtung entwickelt hat.
Das ist ein guter Grund, aber nicht der einzige, das Thema nicht
hurtig vom Tisch zu wischen. Die Eizellspende steht nämlich pars pro
toto für einen schon notorisch ideenlosen Umgang der Politik mit der
Fortpflanzungsmedizin. Eine Politik, die regelmäßig Entscheidungen an
Höchstgerichte auslagert - im Dezember steht wieder ein Urteil an,
diesmal vom Verfassungsgerichtshof. Der "lästige" Staatsbürger, so
scheint das Motto, soll sie sich durch die Instanzen quälen. Erst
danach, und nur wenn es nicht anders geht, wird debattiert.
Dabei ist die aktuelle Gesetzeslage so widersprüchlich, dass es auch
ohne Urteile Stoff für Diskussion gibt. Um bei der Eizellspende zu
bleiben: Ist es denn logisch, dass Samenspenden (mit Einschränkung)
erlaubt sind, Eizellspenden aber nicht, nur weil Samen einfacher zu
spenden sind? Und wäre eine Aufspaltung der Mutterrolle in eine
genetische und eine gebärende wirklich so schlimm - oder so neu? Auch
eine Adoption spaltet die Rollen und beim Split der Vaterrolle im
Fall von Samenspenden sah man bisher ebenfalls kein Problem.
Tatsächlich haben Mütter, die ihr Kind einer Eizellspende zu
verdanken haben, durch die Geburt wohl eine engere Bindung zu ihm als
ein Vater zu einem Kind, das aus einer Samenspende stammt. Überhaupt
wird man mit Blick auf das Wohl des Babys sagen müssen: Mehr
gewünscht kann ein Kind kaum sein. Immerhin nehmen seine Eltern
physisch, psychisch viel in Kauf.
Auch finanziell. Die Fortpflanzungsmedizin ist ein Geschäft, das
merkt man vor allem jenseits der Grenze. In Tschechien und Spanien
floriert der "Befruchtungstourismus". Statt zu überlegen, wie ein
Modell aussieht, das nicht dazu führt, dass Frauen unter
wirtschaftlichem Druck ihren Körper ausbeuten, exportiert Österreich
sein Problem. Das erspart ethische Unbequemlichkeiten und auch Geld.
Denn Befruchtung im Ausland zahlt man natürlich privat, das heißt:
Wer es sich leisten kann.
Freilich, um Geld geht es bei der staatlichen Trägheit höchstens am
Rande. Die Antwort liegt eher im Menschlich-Diffusen. Man könnte auch
sagen: in der Angst. Die Fortpflanzungsmedizin führt uns plakativ vor
Augen, dass wir immer mehr Entscheidungen, die uns früher die Natur
abnahm, selbst treffen könnten. Weshalb manche alles, was Potenzial
zum Missbrauch hat, verbieten wollen. Da Missbrauch fast überall
möglich ist, kommt man so aber nicht weiter. (Nebenbei gesagt ist
diese Haltung auch nicht ganz unzynisch, weil sie Betroffene unter
Generalverdacht stellt). Darüber hinaus hat das Wegschauen für
Politiker aber auch konkrete Vorteile. Sie können so elegant heiklen
Fragen, die mit der Medizin zusammenhängen, ausweichen. Wie etwa der:
Dürfen Eizellspenden ein Weg sein, sich viel später im Leben den
Kinderwunsch zu realisieren, den man wegen der Karriere nach hinten
verschoben hat?
Darauf bräuchte eine kluge Politik zur Fortpflanzungsmedizin
Antworten. Und sie braucht natürlich auch mehr Wissen. Medizinische
Fragen werden durch Ignoranz nicht verschwinden. Und auch nicht
dadurch harmloser, dass man sich nicht auskennt. Kurz gesagt: Es
braucht weniger Bauchgefühl, mehr Kopfarbeit in dieser Sache. Denn
nur, wenn man weiß, wovor man sich fürchtet, besteht zumindest die
Chance, Risken in den Griff zu bekommen.
Rückfragehinweis:
[email protected]
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