- 06.11.2011, 14:15:26
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Prammer: Erinnerungsarbeit darf nicht aufhören Gespräch mit dem vertriebenen Musiker Walter Arlen im Volkstheater
Wien (PK) - "Wir werden immer Verantwortung dafür zu tragen haben,
was der Nationalsozialismus angerichtet hat", bekräftigte heute
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer anlässlich der Matinee im
Volkstheater zum Gendenken an die Novemberpogrome vom 9./10. November
1938 und sprach sich damit mit allem Nachdruck gegen die
"Schlussstrich-Philosophie" aus. Sie sei bemüht, der
Erinnerungsarbeit mehr zu geben als den Gedenktag am 5. Mai, sagte
Prammer, vor allem auch durch Jugendprojekte.
Im Zentrum des diesjährigen Gedenkens, das zum vierten Mal in dieser
Art in Kooperation von Parlament und Volkstheater - heuer auch in
Zusammenarbeit mit der Stadt Wien und exil.arte - stattfand, stand
Walter Arlen, einer der letzten noch lebenden Komponisten, der die
Grauen des Nationalsozialismus im Exil in den USA überlebt hat. In
einem berührenden "Gesprächskonzert" mit dem Ö1-Journalisten Michael
Kerbler blickte Arlen auf sein bewegtes Leben zurück, wobei nicht nur
seine bitteren und schmerzvollen Erfahrungen zur Sprache kamen,
sondern auch seine glückliche Kindheit in Wien, die mit der
Machtergreifung Hitlers sein jähes Ende nahm.
Im Anschluss an das Gesprächskonzert übergab exil.arte den von Los
Angeles nach Wien gebrachten Vorlass von Walter Arlen an Stadtrat
Andreas Mailath-Pokorny. Rebecca Nelsen (Sopran) und Chanda
VanderHart (Klavier) interpretierten Lieder von Walter Arlen. Den
Ehrenschutz für diese Veranstaltung hat Nationalratspräsidentin
Barbara Prammer übernommen.
Das Gespräch wird in Ö1 am 10. November um 21 Uhr und am 11. November
um 16 Uhr gesendet.
Prammer: Gegen "Schlussstrich-Philosophie"
Nationalratspräsidentin Barbara Prammer sprach Walter Arlen und
vielen anderen, die trotz ihres Schicksals nach Österreich
zurückkommen, ihren besonderen Dank aus. Die Begegnung mit den
persönlichen Schicksalen Überlebender und Zeitzeugen sei wichtig, vor
allem im Hinblick auf Bewusstseinsbildung und Sensibilisierung
nachfolgender Generationen. Es gelte aber darüber hinaus, eine neue
Erinnerungskultur zu entwickeln, für eine Zeit, in der wir uns nicht
mehr auf Zeitzeugen stützen können, betonte Prammer, denn wir haben
immer Verantwortung für dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte zu
tragen.
Es sei nicht so, dass Österreich nicht beteiligt gewesen ist. Der
Antisemitismus und die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung
hätten in Österreich die extremsten Formen angenommen, Antisemitismus
habe in Österreich schon lange vor den Nazis stattgefunden, stellte
sie fest. Die Nationalratspräsidenten erteilte in diesem Zusammenhang
jeden Versuchen, einen Schlussstrich hinter die Auseinandersetzung
mit den damaligen Geschehnissen zu ziehen, eine klare Absage. Eine
"Schlussstrich-Philosophie" dürfe es nicht geben, konstatierte sie.
Es gebe noch immer Menschen, die dieser Ideologie anhaften, die aber
im Hinblick auf die strengen innerstaatlichen Gesetze genau wüssten,
wie weit sie gehen können.
Relativierung und Verharmlosung seien aber nicht unter Strafe
gestellt, und das sei das gefährlichste Instrument, wenn man der
Jugend nicht die Möglichkeit gibt, sich mit der Geschichte
auseinanderzusetzen. Deshalb seien ihr auch die Jugendprojekte so
wichtig, unterstrich Prammer, es gehe nicht nur um objektive Zahlen,
sondern auch um Emotionen und Sensibilisierung und um Mitempfinden.
Mit Walter Arlen verbinde sie seit einem "Gesprächskonzert" im
Jüdischen Museum in Wien im März 2008 eine Freundschaft, berichtete
die Nationalratspräsidentin über ihre persönlichen Beziehungen zu dem
Musiker. Besonders habe sie jedoch die Zusammenarbeit mit Arlen
anlässlich der Vorbereitung zum Gedenktag im Parlament geprägt, wo
man immer um exzellente Gäste und exzellente Musik bemüht sei. Damals
sei es darum gegangen, die Wiedergabe von so genannter "entarteter
Musik" mit einem Jugendorchester wiederzugeben. Arlen habe den
Jugendlichen von 8 bis 15 Jahren nicht nur neue Perspektiven der
Musik eröffnet sondern auch neue Perspektiven der Geschichte, zeigte
sich Prammer berührt.
Mailath-Pokorny: Walter Arlen ist ein Teil der vertriebenen Kultur
Auch der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny würdigte
Walter Arlen als einen, "der das große Herz hat, wieder zu kommen und
die Stadt mit großartigen Geschenken zu bereichern".
Nach 1945 wollte es keiner gewesen sein, sagte Mailath-Pokorny, mit
dieser Lüge hätten Wien und Österreich viel zu lange gelebt. Erst
langsam habe das Land begonnen, sich der Vertriebenen zu besinnen und
die konkreten Schrecken zu benennen. Walter Arlen sei ein Teil der
"vertriebenen Vernunft, der vertriebenen Kultur, der vertriebenen
Geistesgeschichte". Wahrscheinlich wäre Österreich noch viel mehr und
auch reicher als es heute ist, wären nicht so viele vertrieben
worden.
Schottenberg: Volkstheater muss erinnern und Blick schärfen
Volkstheaterdirektor Michael Schottenberg ging in seiner Begrüßung
näher auf das Motte der heutigen Matinee "Musik als Gedächtnis" ein
und bekräftigte einmal mehr, dass er Erinnerungsarbeit als eine
Verpflichtung des Volkstheaters erachtet. Das Theater sei dazu da,
"um zu erinnern und zu verhindern, um zu gedenken und zu bedenken, um
den Blick zurückzuwerfen und nach vorn zu richten, um den Blick zu
schärfen". Er versuche dem in seinen Spielplänen und in zahlreichen
Veranstaltungen Rechnung zu tragen, merkte er an.
Walter Arlen
Walter Arlen wurde 1920 als Walter Aptowitzer in Wien geboren. Seine
Großeltern waren die Gründer und Besitzer des Warenhauses Dichter. In
der Nacht vom 12. auf den 13. März, unmittelbar nach dem Einmarsch
Hitlers, drangen SA-Männer in die Wohnung ein und plünderten sie. Er
wurde misshandelt, sein Vater wurde in das Gefängnis Karajangasse
gebracht, später in das KZ Dachau, von dort nach Buchenwald. Walter
Arlen verließ am 14. März 1938 Wien in Richtung USA. Seine Eltern
flohen nach der Entlassung seines Vaters aus Buchenwald mit Arlens
Schwester nach England.
In der neuen Heimat USA begann er unter dem Namen Arlen eine neue
Laufbahn als Komponist, Musikwissenschaftler, Musikkritiker und
Universitätsprofessor. In Chicago studierte er bei dem renommierten
Komponisten Leo Sowerby. 1947 wurde Walter Arlen Assistent des
Komponisten Roy Harris, 1952 begann er seine Arbeit als
Musikkritiker. 1969 gründete er die Musikabteilung an der Loyola
Marymount University in Los Angeles, deren Vorstand er bis 1998 war.
Walter Arlen besitzt neben der US-amerikanischen auch die
österreichische Staatsbürgerschaft.
Zu seinen kompositorischen Werken zählen Kammermusik, Lieder, Songs
und Stücke für Klavier. (Schluss)
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