- 30.10.2011, 21:00:33
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 31. Oktober 2011 von Christian Jentsch "Das große Buhlen um den neuen Krösus"
Innsbruck (OTS) - Utl.: Chinas Präsident Hu Jintao ist gestern in
Österreich eingetroffen. Und nicht nur die heimische Wirtschaft buhlt
um seine Gunst. Der einstige kommunistische Bauernstaat gilt heute
als Hoffnungsträger in der kriselnden Weltwirtschaft.
Der Motor der Weltwirtschaft ist ins Stocken geraten. Die USA und
Europa kränkeln vor sich hin und drohen immer tiefer in den Strudel
der Schuldenfalle zu geraten. Doch im Windschatten des Banken-Crashes
an der Wall-Street und der Schockwellen, die über Europa fegen, hat
sich der einstige Bauernstaat China in die Pole-Position vorgekämpft.
Heute gilt das Reich der Mitte als Wirtschaftswunderland, als Ort der
Verheißung für all jene, welche auf Wachstum und Absatzmärkte
schielen. Das Riesenreich mit rund 1,5 Milliarden Einwohnern schickt
sich an, die Säulen der etablierten Nachkriegsordnung ins Wanken zu
bringen. Die unangefochtene Vormachtstellung der USA ist im Schwinden
begriffen und Europa hat alle Hände damit zu tun, sich selbst zu
zerfleischen.
Der rote Drache hat sich zum Exportweltmeister und Hoffnungsträger
eines kränkelnden Westens emporgeschwungen. Und plötzlich suchen die
Feinde von einst Schutz unter seinen Flügeln. Ideologische
Unterschiede sollen keine Rolle mehr spielen und die (vielen
Politikern wohl lästigen) Menschenrechtsfragen dürfen einer
Annäherung keinesfalls im Wege stehen. Aller Beteuerungen zum Trotz.
Schließlich hat Peking viel zu bieten. Als größter Gläubiger
finanziert China den Kaufrausch der US-Amerikaner. Und hortet
Devisenreserven in der Höhe von über 3,2 Billionen US-Dollar, wovon
ein Großteil in US-Staatsanleihen angelegt ist. Nun klopfen auch die
krisengeschüttelten Europäer an der vermeintlich goldenen Tür des
neuen Finanzkrösus. Sie bitten um eine Beteiligung am europäischen
Rettungsschirm. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat sich schon
bei seinem Amtskollegen Hu Jintao erkundigt.
Doch China lässt sich noch bitten. Und eines ist klar: Ohne
weitreichende Gegenleistungen wird China sein prall gefülltes
Geldbörserl nicht öffnen. Die Forderung nach einer Aufwertung der
chinesischen Währung Yuan - niedrig gehalten, um die Exportwirtschaft
zu stützen - wird so nur schwer einzufordern sein. Eines ist
jedenfalls klar: Der exklusive Club der westlichen Industriemächte
muss sich nach der Decke strecken und Verschiebungen im weltweiten
Kräfteparallelogramm akzeptieren.
Doch eines ist auch klar: Chinas Hilfe kann keine Lösung für die
hausgemachten Probleme sein. Als Bittsteller aufzutreten, zeugt nicht
nur von politischer Schwäche. Und: In einer globalisierten Welt
stecken alle unter einer Decke. Chinas Höhenflug fehlt ohne ein
wirtschaftlich starkes Europa und eine starke USA jegliche Basis.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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