"Die Presse" - Leitartikel: Der gescheiterte Held der Wutbürger von gestern, von Oliver Pink

Ausgabe vom 10.10.2011

Wien (OTS) - Was von Jörg Haider blieb? Nicht viel. Kärnten steht vor den Trümmern seiner Prestigeprojekte. Und die Unzufriedenen im Land sind um eine Enttäuschung reicher.

Möglicherweise ist der Fußball kein schlechtes Sinnbild. Als Jörg Haider 1999 Landeshauptmann wurde, spielte der FC Kärnten in der zweithöchsten Spielklasse. Es folgte der Aufstieg des Vereins, dessen Präsident auch Jörg Haider hieß, in die höchste Spielklasse - und sogar der Cupsieg. Drei Jahre später war der Abstieg wiederum unvermeidlich. Doch Haider, der Trickser, überdribbelte ihn, indem er 2007 einfach die Lizenz des Erstligisten Pasching besorgte: Kärnten spielte als Austria Kärnten wieder oben mit. Heute grundelt der Nachfolgeverein der Austria Kärnten, die den Spielbetrieb einstellte, in der Regionalliga herum.
Drei Jahre nach Jörg Haiders Tod in der Nacht auf den 11. Oktober 2008 blickt Kärnten auf die Trümmer seiner Träume. Der Megalomane hatte Großes vorgehabt. Ohne Rücksicht auf Verluste. Als er 1999 das Land übernahm, wies Kärnten einen Schuldenstand von 0,971 Milliarden Euro auf, in seinem Todesjahr 2008 waren es 1,783 Milliarden, heute sind es 2,649 Milliarden.
Von der Seebühne bis zur Fußballtribüne - das Projekt Jörg Haider ist gescheitert. Der finanzpolitische Stolz dieser Ära, die lange landeseigene Hypo Alpe Adria, die zeitweilig ein atemberaubendes Wachstum hinlegte, musste vom Staat vor der Pleite gerettet werden. Aufstieg und Fall der Hypo-Bank fallen nicht zufällig in die Zeit des Aufstiegs und Falls des Systems Haider. Und da sind wir noch gar nicht bei den strafrechtlichen Nachbeben jener Zeit. Staatsbürgerschaften nach Gutdünken - im Gegenzug für die Bereitschaft zu Investitionen und Spenden für die Partei - zu vergeben, scheint im Haider-Land State of the Art gewesen zu sein. Was bleibt also von Jörg Haider? In Kärnten nicht viel. Sein Nachfolger Gerhard Dörfler, der immerhin einmal die Hypothek des nicht erfüllten Staatsvertrags mit der Aufstellung von zusätzlichen zweisprachigen Ortstafeln abgetragen hat, ist nun damit beschäftigt, die Finanzlage so zu stabilisieren, dass das Land nicht pleitegeht. Pompöse Inszenierungen und überdimensionale Projekte gehören der Vergangenheit an. Der bauernschlaue Dörfler macht aus der Not immerhin eine Tugend. "Kärnten spart" nennt er sein Programm - in Analogie zu früheren Aktionen wie "Kärnten läuft". Das "Kärnten feiert" der Haider-Zeit ist definitiv vorbei.
Was von Jörg Haider, dem gnadenlosen und erfolgreichen Oppositionsführer, wirklich bleibt, sind - und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie - die Leistungen der schwarz-blau/orangen Regierung. Ohne Haider hätte Wolfgang Schüssel seine Regierung weder bilden noch seine Reformen durchbringen können. Die Pensionsreform, die Abfertigung neu, das Kindergeld werden immer auch mit dem Namen Jörg Haider verbunden bleiben. Selbst die Eurofighter.
Doch sogar Jörg Haiders Fans, die ihm (sieht man von der Zeit nach Knittelfeld ab) stets bedingungslos die Treue gehalten haben, sind nachdenklicher geworden. Der Umstand, dass sich Kärnten um viel Geld nicht sonderlich fortentwickelt hat und sich zahlreiche von Haiders Mitstreitern bereichert und die rechtlichen Grauzonen bis an ihre Grenzen ausgereizt haben, stößt auch ihnen auf.

Es sind nicht wenige gewesen, die in den 1980er- und 1990er-Jahren, von der reformresistenten, ewiggleichen Großen Koalition enttäuscht, ihre Hoffnungen in Haider gesetzt haben. Sie mussten mitansehen, dass es auch ihr großes Idol nicht besser machte.
Auch das ist ein Vermächtnis Jörg Haiders: dass jene, die ihr Vertrauen in die Großparteien verloren hatten, nun ihr Vertrauen in die politischen Parteien insgesamt verloren haben. Die politisch Radikaleren wählen zwar noch die Strache-FPÖ, aber jene Teile des kleinbürgerlichen Mittelstands, die sich für Haiders Projekt begeistern konnten, wenden sich zunehmend angewidert von der Politik ab. Und nicht nur sie.
Jörg Haider hat die damalige Protestbewegung in die Irre geführt. Und es ist auch nicht so, dass ihnen niemand gesagt hätte, dass der Weg in die Irre führt.
So ist drei Jahre nach Haiders Tod fast alles wieder so, wie es vorher war. Als hätte es ihn nie gegeben. Nur Kärnten hat ein leeres Stadion und ein paar Schulden und Denkmäler mehr. Und die Unzufriedenen eine Illusion weniger.

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