Zu viel der Unehre

Innsbruck (OTS/TT) - Für den Anfang des Staatsbesuches in seiner deutschen Heimat wählte Papst Benedikt XVI. eine defensive Strategie.

Das sollten sogar rechtschaffen antireligiöse Bundestagsabgeordnete aushalten können.

Von Irene Heisz
Das Prozedere für eine Papstreise wird in monatelangen Verhandlungen zwischen dem Vatikan und dem jeweiligen Gastland detailliertest ausgehandelt. Minutiös wird festgelegt, wer wann wem die Hand schüttelt, wer bei welcher Gelegenheit ein Grußwort anbringt und was dann als Gegenrede angemessen ist, wo der Papst was zu welchem Thema sagt.
Das Ganze ist trotz aller gegenteiligen Beteuerungen und frommen Wünsche zumindest auch eine gigantische Show. Ein knappes halbes Dutzend der insgesamt terminisierten 17 Ansprachen und Predigten hat Benedikt XVI. bereits am ersten Tag seines Heimatbesuches absolviert, darunter die heiß umstrittene Rede vor dem Bundestag.
Kurz vor 17 Uhr gestern Nachmittag war klar: Die Aufregung darüber, ob es mit der Trennung von Kirche(n) und Staat vereinbar sei, einen Papst im Nationalparlament sprechen zu lassen, war nicht nur riesig und von qualvoller Würdelosigkeit, sondern auch völlig umsonst. Was der ausgewiesene Intellektuelle im Bundestag verlas, war eine unaufgeregte, fast biedere Einführung in die allgemeine Staatenlehre, ein Proseminar über die Grundlagen der abendländischen Rechtsphilosophie. Diese Harmlosigkeit - inklusive eines selbstironischen Scherzchens über das Denkvermögen greiser Männer -hätten sich zweifellos auch die paar Dutzend abwesenden Abgeordneten der SPD, der Grünen und der Linken anhören können, ohne Gefahr zu laufen, ihrer rechtschaffen antireligiösen Unschuld beraubt zu werden.
Diese Rede, zu der Benedikt mit Zustimmung aller Fraktionen eingeladen worden war, zu boykottierten, war deutlich zu viel der Unehre und ebenso kindisch wie die letztlich nicht erfüllte Ankündigung von Parlamentspräsident Norbert Lammert, die leeren Sitze mit Statisten aufzufüllen, um dem Papst den (schockierenden?) Anblick zu ersparen. Da geht s einerseits um die Einhaltung minimaler Höflichkeitsstandards einem Gast gegenüber, andererseits auch um die schlichte Wahrheit, dass man kennen sollte, wogegen man ist. Letztlich sind die peinlichen Vorfälle aber als Symptom für die beiderseitige Hilflosigkeit, das wild wuchernde Unbehagen und das tiefe Misstrauen zwischen der säkularen westlichen Welt und der katholischen Kirche zu deuten. Deren oberster Vertreter verfolgt beim ersten Staatsbesuch in seiner Heimat zumindest vorläufig eine defensive Strategie, begnügt sich mit allgemein verträglicher Unverbindlichkeit. Für die Rückeroberung der moralischen Autorität, der die Kirche verlustig gegangen ist und welche die Politik nicht glaubwürdig für sich reklamieren kann, werden diplomatische Eiertänze nicht reichen.

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