• 22.09.2011, 18:11:01
  • /
  • OTS0239 OTW0239

DER STANDARD - Kommentar: "Vom Scheitel bis zum Schachtelsatz" von Gerald John

Politiker wollen perfekt sein - und untergraben damit die eigene Glaubwürdigkeit // Ausgabe vom 23.09.2011

Wien (OTS) - Unerhört, wie sich Österreichs Staatsspitzen
aufführen: Angebrüllt sollen sich Werner Faymann und Michael
Spindelegger haben, wutentbrannt wegen gegenseitiger Untergriffe.
Nicht einmal auf gemeinsamer Mission im Dienste der Republik habe
sich das Duo eingekriegt, heißt es. Im Flieger zur Uno-Konferenz in
New York setzten sich Kanzler und Vize weit auseinander.
Ob die Tageszeitung Österreich diese Episode nun aufgeblasen hat oder
nicht, spielte für die folgende Reaktion wohl kaum eine Rolle.
Politiker verteidigen sich in solchen Fällen gerne wie Schulbuben,
die der Lehrer ins Winkerl stellen will: Sie streiten alles ab. Ein
lautstarker Krach? Aber wo! Meinungsverschiedenheiten ja, doch nur in
einem "freundlichen und konsensualen Klima". Schließlich gelte es,
"konstruktiv" weiterzuarbeiten. Natürlich zum Wohle des Volkes.
Faymann und Spindelegger hätten vermutlich auch dann noch dementiert,
wenn sie am JFK-Airport mit heiser geschrieener Stimme aus dem
Flieger gestiegen wären. Warum eigentlich? Aus der subjektiven
(Vize-)Kanzlerperspektive gibt es derzeit jede Menge Gründe, um aus
der Haut zu fahren. Tagaus, tagein müssen sich die Regierungschefs
von Medien und Opposition als kleingeistige Flachwurzler abkanzeln
lassen, da können sie noch so verbissen vorrechnen, wie gut das Land
die Krise überstanden habe - und dann pinkeln einem auch noch die
Parteisekretäre des angeblichen Koalitionspartners ans Bein. Da kann
einem schon der Kragen platzen.
Doch Politiker dürfen, so glauben sie, keinen Wutausbruch zugeben.
Souverän müssen sie auftreten, immer lächeln und die Contenance
bewahren. Stets sollen sie eine Antwort haben, keine Fehler machen
oder diese zumindest nicht eingestehen - und sind die argumentativen
Verrenkungen noch so abstrus. Drei quälende Pressestatements
benötigte Finanzministerin Maria Fekter, um ihren Vergleich von
Reichensteuer und Judenverfolgung zurechtzurücken, statt einfach zu
sagen: "Ja, ich habe in der Hitze des Gefechts Blödsinn geredet und
entschuldige mich."
Was Coaches und Spindoktoren Generationen von Politikern
eingetrichtert haben, befeuert die aus vielschichtigen Gründen
grassierende Glaubwürdigkeitskrise der Zunft. Sterile Langweile
verströmen die verwechselbaren Polit-Klone, die aus Furcht vor dem
Fehltritt zu den immer gleichen rhetorischen Schablonen greifen.
Getrieben werden sie von Medien, die jeden Schnitzer zu einer
Führungskrise und jeden Konflikt zu einem Koalitionskrieg
aufbauschen. Gerade die aktuellen Regierungschefs sind da kein
untypisches Beispiel. Bei gemeinsamen Auftritten ähneln Faymann und
Spindelegger einander vom Scheitel bis zum Schachtelsatz.
Aus der uniformen Masse stechen bezeichnenderweise jene Politiker
heraus, die nicht wie Politiker wirken: Der mit Abneigung gegen
Stehsätze und Mut zur Nachdenkpause ausgestattete Grüne Alexander Van
der Bellen etwa oder, bei allen hochproblematischen Zügen, der
verstorbene charismatische Instinktpolitiker Jörg Haider.
Natürlich wollen die Leute keine schrägen Rabauken an der
Staatsspitze, ein Maß an Seriosität muss sein. Doch etwas Emotion,
Spontaneität und sogar die eine oder andere Schwäche dürfen sich
Politiker schon gönnen, um nicht als abgehobene Kunstfiguren zu
enden. Wer behauptet, "draußen bei den Menschen" zu sein, sollte sich
erlauben, wie ein solcher aufzutreten.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel