• 12.09.2011, 18:12:58
  • /
  • OTS0221 OTW0221

Die Presse - Leitartikel: "Von "Hascherln" und "Damen": Gleichstellung ist Kulturproblem", von Jeannine Hierländer

Ausgabe vom 13.09.2011

Wien (OTS) - Der Vorschlag der Gewerkschaft, Frauenlöhne extra zu
verhandeln, mag skurril klingen. Aber gegen sanktionslose Appelle
sind Österreicher leider immun.

Außertourliche Lohnrunden, nur für Frauen: Mit diesem unorthodoxen
Vorschlag sorgte die Gewerkschaft der Privatangestellten vorige Woche
für Gesprächsstoff. Dass der Chef der Wirtschaftskammer damit nicht
viel anfangen kann - wenig verwunderlich. Aber seine Reaktion hätte
er trotzdem mit etwas mehr Bedacht wählen können. Denn sie
illustriert ein interessantes Frauenbild: Es sei ein für die Frauen
"entwürdigender" Vorschlag zu sagen, "jetzt brauchen wir für euch
Hascherln noch eine Extra-Runde". Und wenn jedes zweite Mädchen
Friseurin oder Verkäuferin werden wolle, so Christoph Leitl
sinngemäß, müsse man den "jungen Damen" schon sagen, dass sie tolle
Chancen liegen lassen.
Mit seiner Wortwahl hat Leitl sogar die Frauen aus seinen eigenen
Reihen erzürnt. Er dürfte aber auch auch breite Unterstützung zählen
können. Man erinnere sich nur an den Aufruf des
Kapitalmarktbeauftragten Richard Schenz, "endlich mit der
Quotengeschichte" aufzuhören. Frauen in Aufsichtsräten technischer
Unternehmen? Da brauche es doch technisches Know-how, so Schenz im
März.
Vorschläge für verpflichtende Gleichstellungsmaßnahmen werden
hierzulande immer mit den gleichen Argumenten quittiert: Sie setzten
die Leistung von Frauen herab; Es gebe nicht genug qualifizierte
Frauen - oder gute, selbst verschuldete Gründe, warum man sie so
selten in der Führungsetage antrifft. Nun mag sich ein guter Teil der
Einkommensschere erklären lassen. Unter dem Strich bleiben aber immer
noch - je nach Berechnung und Branche - mehr als zehn Prozent
Lohnunterschied, an denen nicht zu rütteln ist - und die sich
hartnäckig halten.
Trotzdem setzt man in Österreich in Sachen Gleichstellung konsequent
auf Freiwilligkeit: Der Einkommensbericht, zu dem Frauenministerin
Gabriele Heinisch-Hosek Firmen verdonnert hat, verkommt ohne
Sanktionen zur Fleißaufgabe. Die mögen ja einige Betriebe brav
erfüllen. Wie gründlich, das bleibt aber geheim, weil Zahlen nicht
veröffentlicht und Mitarbeiter, die darüber reden, bestraft werden.
Ähnlich steht es um die Quotenregelung für staatsnahe Unternehmen:
Auch hier bleiben Unternehmen im Fall der Nichterfüllung ungestraft.
An den Privaten geht sie ohnehin vorbei. Dass auf Freiwilligkeit
basierende Appelle hierzulande auf taube Ohren stoßen, zeigt auch der
Aufruf von EU-Justizkommissarin Viviane Reding: Im März forderte sie
auch die österreichischen Unternehmen medienwirksam dazu auf, sich
selbst einen höheren Frauenanteil zu verordnen. Er verhallte im
alpenländischen Nichts. Und während deutsche Firmen von sich aus auf
Frauensuche gehen, verweist die heimische Wirtschaft gerne auf die
Politik, die "geeignete Rahmenbedingungen" schaffen müsse.
An sanktionsfreien Appellen lässt es sich leicht vorbeilavieren. Aber
im Nahkampf mit den Gewerkschaften, das zeigen die jährlichen
Lohnrunden, geht es ums Eingemachte. Mit einer speziellen Lohnrunde
für Frauen würden Unternehmen gezwungen, sich die Vorwürfe, die als
Begründung für den Gehaltsunterschied herangezogen werden, genauer
anzusehen. Wie zum Beispiel, dass Frauen in der Karenz auf der
Gehaltsleiter stehen bleiben. Oder, dass sie von Haus aus zu niedrig
eingestuft werden. Gleiches Geld für gleiche Leistung - welche Firma
würde von sich aus zugeben, dass sie diesen Grundsatz nicht erfüllt?
In Vorbereitung auf die Gewerkschafter würde er dem Realitäts-Check
unterzogen.

In Österreich krankt es auf dem Weg zur Gleichstellung an der Kultur.
Die Tatsache, dass es sogar an Stammtischen verpönt ist, über
Einkommen zu reden, ist ein Teil davon. Dass sich Unterschiede in
Funktion und Gehältern in naher Zukunft von selbst abschleifen, ist
unwahrscheinlich. Und per Gesetz, das zeigen internationale
Beispiele, geht es auch einfach schneller.
Der Vorschlag der Gewerkschaft, Frauenlöhne zusätzlich zu den
Lohnrunden noch einmal zu verhandeln, mag skurril klingen. Aber
zumindest ist es einer, und er ist derzeit noch dazu weit entfernt
von einer Perspektive auf Verwirklichung. Wer will, kann jetzt
vorgreifen und dafür sorgen, dass es zu solchen Maßnahmen nicht
kommen muss. Oder er muss nehmen, was kommt.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel