• 09.09.2011, 18:09:34
  • /
  • OTS0228 OTW0228

Die Presse - Leitartikel: "Der 11. SEptember hat die Welt nicht verändert", von Christian Ultsch

Ausgabe vom 10.09.2011

Wien (OTS) - In den vergangenen zehn Jahren gab es kein
einprägsameres Ereignis als 9/11. Doch umwälzend waren andere
Entwicklungen, die rein gar nichts mit Terror zu tun haben.

Es ist eine Standardformel, die dieser Tage oft zu hören ist: Der 11.
September 2001 habe die Welt verändert. Doch stimmt dieser Satz
überhaupt? War nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das
Pentagon wirklich nichts mehr so wie es vorher war? Und musste danach
tatsächlich alles so kommen, wie es kam?
Der "Angriff auf die USA", wie es schnell hieß, war zweifelsohne ein
monströses Verbrechen. Noch nie zuvor hatte es einen derart
vernichtenden Terrorakt gegeben. Die 19 Selbstmordattentäter rissen
fast 3000 Menschen in den Tod. Nicht nur Amerika war verwundet,
geschockt und zornig, die ganze (westliche) Welt stand und steht bis
heute im Bann dieses Ereignisses.
Der 11. September war sicherlich einer der einprägsamsten Tage der
jüngeren Geschichte. Fast jeder weiß noch, wann und wo er von der
Tragödie erfahren hat. Schon deswegen eignete sich dieser
September-Dienstag dazu, mit historischer Bedeutung aufgeladen zu
werden. Binnen kürzester Zeit wurde das Datum selbst zur Chiffre:
9/11.
Es wäre absurd zu behaupten, dass die Anschläge keine wichtigen
Konsequenzen gezeitigt hätten. Wenn aber tatsächlich etwas die Welt
verändert haben soll, dann war es die Reaktion auf den 11. September
und nicht der Terrorakt selbst. Die Ursache bedingte nicht
notwendigerweise die Wirkung. Die USA hätten auch anders auf die
Attentate reagieren können, planvoller, umsichtiger.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Vermutlich hätte nicht
nur George W. Bush, sondern jeder US-Präsident nach Nine-Eleven -
ganz zu Recht - zu einem Vernichtungsschlag gegen das Taliban-Regime
ausgeholt, das Osama bin Ladens al-Qaida Unterschlupf in Afghanistan
gewährt hatte. Doch es stand nirgendwo geschrieben, dass nach dem
Feldzug durch einen krassen Mangel an Investitionen in den
Wiederaufbau und eine anfangs viel zu geringe internationale
militärische Präsenz die Grundlage für die Rückkehr der Taliban
geschaffen werden muss.
Noch viel weniger zwingend war der Krieg im Irak eine Folge des 11.
September. Saddam Hussein verfügte weder über Kontakte zur al-Qaida
noch über Massenvernichtungswaffen. Die US-Regierung nützte das
Post-9/11-Trauma vielmehr, um alte offene Rechnungen zu begleichen.
Dass die USA im afghanischen und irakischen Sumpf versanken, hatte
weniger mit 9/11 zu tun als mit militärischen Fehlentscheidungen und
Fehlplanungen. Deren finanzielle und moralische Kosten schwächten die
Vormachtstellung Amerikas, aber das wäre vermeidbar gewesen.
Der 11. September bietet sich als historischer Fluchtpunkt an, als
Ausgangspunkt aller möglichen Entwicklungen. Man kann, wenn man will,
auch die Finanzkrise damit in Zusammenhang bringen. Um eine Rezession
zu vermeiden, ließ der damalige Notenbank-Chef Alan Greenspan per
Zinssenkung die Märkte mit Geld fluten, was die Immobilienblase
füllte, die 2007/2008 platzte. Doch letztlich erklären solche
monokausalen Modellkonstrukte, die alles nur auf einen Tag und einen
Faktor zurückführen, nur sehr wenig. Eine solche symbolische
Aufladung nützt niemandem, außer den Propagandisten der al-Qaida.

Als Ereignis war der 11. September spektakulär und wird deshalb im
kollektiven Gedächtnis der Menschheit haften bleiben. Doch auf eine
völlig neue Umlaufbahn hat dieser Tag die Geschichte nicht
katapultiert. An den großen umwälzenden Entwicklungen, die sich im
Schatten des "Krieges gegen den Terror" beschleunigt haben, hat sich
nichts geändert. Während sich die USA und Europa zum Teil obsessiv
mit Bin Laden und dem radikalen Islam beschäftigten, holten China,
Indien, Brasilien & Co. weiter auf. Was man früher verächtlich
"Dritte Welt" nannte, hat seinen Anteil an der globalen Wirtschaft
seit dem Jahr 2000 von 20 auf 34 Prozent erhöht. Europa und die USA
stagnierten, die Schwellenländer wuchsen weiter.
Das hat die Welt verändert und wird sie weiter verändern. Die Öffnung
Chinas, der Zusammenbruch des Sowjetimperiums, die Globalisierung
haben weitaus größere Auswirkungen als der 11. September, so
fasziniert wir auch seit zehn Jahren immer wieder auf diesen Tag
zurückblicken.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel