• 07.09.2011, 09:41:45
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Forscher der MedUni Wien schlagen Alarm: Rückgang der Autopsien verfälscht die Suizidstatistik

Welttag der Suizidprävention am 10. September

Wien (OTS) - In Österreich ist die Autopsierate in den vergangenen
20 Jahren von 35 Prozent auf 17 Prozent zurückgegangen. "Der Rückgang
an Autopsien reduziert die Qualität der offiziellen Suizidstatistik",
sagt Nestor Kapusta von der Universitätsklinik für Psychoanalyse und
Psychotherapie. Das zeigt auch eine von Kapusta geleitete Studie mit
Daten aus 35 Ländern anhand der Suizidstatistik, die jetzt im
renommierten US-Fachmagazin "Archives of General Psychiatry"
veröffentlicht wurde.

In Österreich sterben jährlich 1.300 Menschen an Suizid, das sind
doppelt so viele wie im Straßenverkehr ums Leben kommen. Die
Dunkelziffer könnte aber steigen, da die Qualität der Suizidstatistik
abnimmt. Daher schlagen Forscher der MedUni Wien - anlässlich des
Welttags der Suizidprävention am 10. September 2011 Alarm und fordern
den "dringenden Erhalt der hohen Qualität der Österreichischen
Todesursachenstatistik und damit auch der Suizidstatistik".

Hohe Autopsierate, höhere Suizidrate
Statistisch gesehen begingen vor 25 Jahren insgesamt 2.139
EinwohnerInnen in Österreich Suizid, im Jahr 2010 waren es 1.261.
Obwohl der Rückgang der Suizide auf bisherige Präventionsarbeit wie
die Entwicklung des psychosozialen Systems und zunehmende
Hilfsangebote zurückzuführen ist, legen die Ergebnisse der Studie
nahe, dass die Dunkelziffer steigt. Kapusta: "In Ländern mit den
höchsten Autopsieraten wie etwa im Baltikum oder in Ungarn ist die
Suizidrate höher als in Ländern mit niedrigen Autopsieraten. Ebenso
werden in Ländern, in denen Autopsieraten zurückgehen, auch zunehmend
weniger Suizide verzeichnet."

Das Ergebnis der Studie ist ein Plädoyer für mehr Autopsien.
"Österreich hatte im internationalen Vergleich immer eine
hervorragende Qualität der Mortalitätsstatistik, aber Todesursachen
werden immer ungenauer erfasst. Gerade bei älteren Menschen macht man
nahezu überhaupt keine Autopsien mehr. Dies betrifft nicht nur
Suizide, sondern alle Todesursachen. Vor dieser Entwicklung wird auch
bereits in den USA gewarnt. Dort scheinen nationale Suizidstatistiken
bereits zweifelhaft niedrig zu sein, dafür scheint es eine Epidemie
von Vergiftungen mit unklarer Intention zu geben, der so auch nicht
zu trauen ist".

Es stelle sich überhaupt die Frage, wie lange man den offiziellen
Suizidstatistiken überhaupt noch trauen könne, so der Suizidforscher,
der auch Mitglied im Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für
Suizidprävention und der Wiener Werkstätte für Suizidforschung ist.
Denn nur mit qualitativ hochwertigen Basisdaten sei es möglich, eine
bedarfsgerechte Gesundheitsplanung zu machen oder
Präventionsprogramme wissenschaftlich verlässlich zu evaluieren.
"Dies gilt nicht nur für unseren Themenbereich. Es ist eine wichtige
Frage für die gesamte Medizin und insbesondere für die
Gesundheitsförderung und Präventionsforschung".

Nationales Suizidpräventionsprogramm
In Österreich ist man dabei, nach internationalem Vorbild ein
nationales Suizid-präventionsprogramm zu entwickeln. Am 8. Juli 2011
wurde der Entschließungsantrag dazu im Parlament einstimmig
beschlossen. Kapusta: "Eine entsprechende Koordination bestehender
nationaler Ressourcen und wissenschaftlichen Wissens war seit langem
nötig und wünschenswert." Das Programm zielt in die Richtung einer
großflächige und dauerhafte Initiative zur Suizidprävention. Nestor
Kapusta ist mit Thomas Niederkrotenthaler und Gernot Sonneck von der
MedUni Wien an der Entwicklung des Programms durch das
Gesundheitsministerium maßgeblich beteiligt.

Service: Archives of General Psychiatry
Nestor D. Kapusta; Ulrich S. Tran; Ian R. H. Rockett; Diego De
Leo; Charles P. E. Naylor; Thomas Niederkrotenthaler; Martin Voracek;
Elmar Etzersdorfer; Gernot Sonneck: "Declining Autopsy Rates and
Suicide Misclassification", A Cross-national Analysis of 35
Countries; Arch Gen Psychiatry. Published online June 6, 2011.
doi:10.1001/archgenpsychiatry.2011.66.

Rückfragehinweis:

Medizinische Universität Wien
   Mag. Johannes Angerer
   Leiter Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, Sponsoring, Fundraising 
   Tel.: +431 40160 - 11 501
   Mobil: +43 664 800 16 11 501
   mailto:[email protected]
   http://www.meduniwien.ac.at

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