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"Die Presse"-Leitartikel: Geht es ums Erdöl, werden wir alle schnell zu Amerikanern, von Franz Schellhorn
Ausgabe vom 24. August 2011
Wien (OTS) - In den europäischen Staatskanzleien und
Konzernzentralen will sich niemand so recht an Herrn Gaddafi
erinnern. Auch in Österreich nicht. Wie schnell doch die Zeit
vergeht.
Der politische Umsturz in Libyen wird in Europa mit einer Mischung
aus freudiger Genugtuung und nervöser Anspannung begleitet.
Schließlich weiß ja noch niemand so recht, wie die neue libysche
Führung aussehen wird, wie sie denkt - und vor allem: was denn nun
aus den langjährigen Geschäftsbeziehungen werden soll. Jagen die
künftigen Machthaber womöglich alle Firmen aus dem Land, die dem
alten Regime in treuer Freundschaft verbunden waren? Während im
Gegenzug jene fürstlich entlohnt werden, die den ungleichen Kampf der
Aufständischen gegen die anfangs noch übermächtigen Streitkräfte der
Familie Gaddafi tatkräftig unterstützen?
Besonders auffallend sind die hektischen Bemühungen in zahlreichen
europäischen Staatskanzleien und Konzernzentralen, sich noch schnell
von jenem grausamen Schurken loszusagen, den sie so lange für einen
gar nicht so üblen Gesprächspartner hielten. Schließlich ist es nicht
lange her, als der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich in
Tripolis vom "europäischen" Libyen schwärmte. "Ich sehe die Grenzen
unseres Kontinents nicht im Mittelmeer, sondern in der Wüste Afrikas.
Libyen ist ein Teil Europas", wie Christoph Leitl wörtlich meinte.
Heute wird sich Präsident Leitl wohl darüber freuen, nicht auch noch
für die Aufnahme Libyens in die EU geworben zu haben.
Wir wollen an dieser Stelle auch nicht nachtragend sein. Nichts hält
ewig, schon gar nicht die politische Haltung. Versteckte sich das
offizielle Österreich noch lange hinter seiner Neutralität, ist es
aus "österreichischer Sicht" nun sehr wichtig, den Übergangsrat der
Rebellen zu unterstützen, wie Außenminister Michael Spindelegger am
gestrigen Dienstag räsonierte. Auch Bundeskanzler Werner Faymann will
die Übergangsregierung nun "wirtschaftlich" unterstützen, um die
Lebensbedingungen in Libyen zu verbessern.
Das ist überaus nobel, obwohl es natürlich nicht nur um die
"Lebensbedingungen" der armen Libyer geht, sondern auch um jene der
reichen Österreicher. Unter jenen, die um ihre Geschäftsbeziehungen
zittern, findet sich nämlich eine ganze Reihe heimischer Betriebe. In
Libyen wollen schließlich auch künftig Straßen gebaut und geteert,
Krankenhäuser eingerichtet sowie Zement produziert werden. Zudem
schlummert unter den Böden des nordafrikanischen Landes etwas, an dem
auch "wir" brennend interessiert sind: hochwertiges Erdöl. Österreich
bezog knapp ein Fünftel seines jährlichen Bedarfs von Oberst Gaddafi.
Diese Lieferungen zu sichern ist auch der Hauptgrund für die
plötzlich erwachenden Sympathien des offiziellen Österreich für die
vor dem Sieg stehenden Aufständischen. Und freilich auch dafür, dass
österreichische Betriebe mit dem blutbefleckten Gaddafi-Regime so
lange gemeinsame Sache machten. Wer das für unmoralisch hält, wird
kaum Widerspruch ernten, sich aber dem Vorwurf aussetzen, mit einer
gewissen Portion Schlichtheit gesegnet zu sein: Würde Österreichs
Wirtschaft nur mit jenen Staaten Geschäftsbeziehungen unterhalten,
die sich westlichen Werten verpflichtet fühlen, wären hierzulande mit
einem Schlag hunderttausende Menschen ohne Arbeit.
In jedem Fall schäbig ist aber, dass sich das ganze Land bei jeder
Gelegenheit auf den moralischen Hochstand begibt, um über "die
Amerikaner" zu richten, die unserem Verständnis zufolge ja nur dann
intervenieren, wenn es um die Sicherung von Ölvorräten geht. An
diesem Befund ändert auch der Umstand nichts, dass die USA keine
einzige der im neuen Irak ausgeschriebenen Förderlizenzen für sich
beansprucht haben. Niemand will sich heute noch daran erinnern, dass
drei Staaten unmittelbar vor dem Sturz Saddam Husseins mit dem Irak
langfristige Ölförderverträge unterzeichnet haben: Frankreich,
Russland und China. Niemand will heute noch wissen, dass drei Staaten
im UN-Sicherheitsrat gegen eine militärische Intervention im Irak
stimmten: Frankreich, Russland und China.
Wenn es um die Sicherung von Erdölvorräten geht, werden eben alle
sehr schnell zu Amerikanern. Das gilt nicht zuletzt für die neutralen
Österreicher, die sich von allen niedrigen Instinkten befreit sehen,
aber regelrecht ausflippen, wenn ein Liter Treibstoff mehr als 1,50
Euro kostet.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
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