Wohlfühl-Events und das wirkliche Leben

Der katholische Weltjugendtag in Spanien und Demonstrationen dagegen beweisen: Heimspiele für den Papst gibt es in Europa nicht mehr.

Innsruck (OTS) - Von Irene Heisz
Obwohl sich Benedikts Kapitalismuskritik theoretisch mit den Anliegen der "Empörten" trifft.
Weltjugendtage sind für den Vatikan so etwas wie Weihnachten und Ostern zusammen. Eigentlich. Der stets Leutseligkeit verströmende Papst Johannes Paul II. hat das internationale Treffen Mitte der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts erfunden und institutionalisiert. Auch Papst Benedikt XVI., an sich deutlich spröder als sein Vorgänger, nimmt gern die Gelegenheit wahr, im Angesicht Zehntausender junger Fans seine Botschaft zu verkünden. Die katholische Kirche, geübt im Einsatz erhebender Rituale wie keine andere Institution der Welt, weiß um die Begeisterungsfähigkeit der Jugend und um die positive Kraft gemeinschaftlicher Erlebnisse. Man kann zwar bezweifeln, ob ein Weltjugendtag spirituell nachhaltiger wirkt als das nächstbeste Rockfestival. Dennoch mag ein Katholik, auch der oberste Katholik, sich wenigstens bei den alle zwei, drei Jahre stattfindenden Glaubens-Wohlfühl-Events in dem beruhigenden Irrtum wiegen, dass die päpstliche Vision von der Rechristianisierung Europas eine reale Grundlage hätte.
In handgreifliche Auseinandersetzungen mit der Polizei abgleitende Demonstrationen Tausender junger Spanierinnen und Spanier gegen den aktuellen Weltjugendtag beweisen allerdings zweierlei:
Zum einen gibt es in Europa grundsätzlich keine Heimspiele mehr für einen Papst. Nicht einmal mehr in Spanien. (Oder, eine Nebenbemerkung, in Polen, wo gestern ein Richter urteilte, im Rahmen einer Kunstaktion seien das Zerreißen einer Bibel und der Aufruf, die Seiten zu verbrennen, keine Herabwürdigung der Religion, also nicht strafbar).
Die Verstimmung zwischen der katholischen Kirche Spaniens und der sozialistischen Regierung ist notorisch, alle Versuche der Bischöfe, gegen den strikt laizistischen Kurs des Staates Politik zu machen, scheitern.
Zum Zweiten offenbart gerade die Situation in Spanien das vielleicht größte Dilemma der Kirche im frühen 21. Jahrhundert. Der Papst hat mit seiner nachdrücklichen Kritik an einer Wirtschaft ohne Ethik, an fehlenden Perspektiven für Junge usw. usw. eine Botschaft, die sich mit vielen Anliegen u. a. der "Empörten" auf der Puerta del Sol trifft. Doch die Kirche hat ihre moralische Autorität verspielt. Gleich bei seiner Ankunft in Spanien, wo Demonstrationen gegen den Einsatz von Steuergeld für seinen Besuch nur mit Hängen und Würgen genehmigt wurden, wiederholte Benedikt sein Lieblingsmantra, das die wachsende Distanz und das Misstrauen zwischen den europäischen Völkern und der Kirche als "moderne Christenverfolgung" interpretiert. Deutlicher könnte er nicht machen, dass er die Kirche vorsätzlich in selbstzerstörerischer Lebens- und Weltfremdheit einzementiert.

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