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"Die Presse" - Leitartikel: Der Arabische Frühling hat gerade erst begonnen, von Helmar Dumbs

Ausgabe vom 16.8.2011

Wien (OTS) - Seit fünf Monaten bieten die Syrer in zunehmender
Todesverachtung ihrem Regime die Stirn. Ihr Durchhaltewille zeigt die
Kraft der panarabischen Aufstandsbewegung.

So schnell kann es gehen: Gerade ein paar Monate ist der Arabische
Frühling alt, da wird ihm noch vor dem meteorologischen Herbstbeginn
von manch eiligen "Beobachtern" bereits ein frühzeitiges
Blätterfallen diagnostiziert. Zugegeben: Die geradezu blitzartigen -
gleichwohl mit jeweils hunderten Todesopfern teuer erkauften -
Erfolge der Opposition in Tunesien und Ägypten konnten schon dazu
verleiten, von einem dominoartigen Purzeln der verkrusteten
autoritären Regime im Arabischen Raum zu träumen. Tunesiens verjagter
Diktator Ben Ali saß noch im Flieger ins saudische Exil, da wurden
seinen Kollegen bereits Halbwertszeiten und Ablaufdaten berechnet.
Das war ebenso voreilig, wie es jetzt voreilig wäre, schon von einer
ausgebremsten Revolution zu sprechen. Revolutionen sind eben, anders
als das Wort suggeriert, oft nicht über Nacht vollendet. Das war 1848
nicht anders als 2011, auch wenn heute die Kommunikationstechnologien
etwas fortgeschrittener sind. Ja, der Wandel in Ägypten gestaltet
sich zäh. Das sind nun einmal die Mühen der revolutionären Ebene.
Aber wer vor sieben Monaten prophezeit hätte, der scheinbar
allmächtige Hosni Mubarak würde sich bald im Krankenbett vor Gericht
verantworten müssen, wäre nur müde belächelt worden.
Ebenso, wer prophezeit hätte, die Syrer würden über Monate hinweg und
in zunehmender Todesverachtung gegen ihr Regime auf die Straße gehen.
Wer noch immer einen Beweis für die Kraft dieser panarabischen
Aufstandsbewegung braucht, blicke dieser Tage nach Syrien. Das Regime
von Machthaber Bashar al-Assad, das sich mit iranischer Schützenhilfe
zu einer Strategie gnadenloser Härte entschlossen hat, erreichte
damit nur zweierlei:
Zum einen, dass die Protestbewegung umso mehr anschwoll, je brutaler
die Sicherheitskräfte vorgingen. Auch wenn Stadt für Stadt von der
Armee belagert und eingenommen wird, auch wenn unzählige
Demonstranten zumindest vorübergehend in die Kerker wandern: Sobald
die Panzer wieder weg sind, geht der Protest von Neuem los. Zum
anderen hat das Regime erreicht, dass sich auch die Peer Group
langsam abwendet. Man konnte die Überwindung förmlich fühlen, die es
den saudischen König Abdullah gekostet hat, von einer "syrischen
Tötungsmaschinerie" zu sprechen. So sehr er Assad, den Busenfreund
von Irans Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad, verabscheut, so sehr
fürchtet der Herrscher im reformresistenten Riad die Vorbildwirkung
jedes weiteren Umsturzes.
Mehrere Golfstaaten zogen bereits ihre Botschafter aus Damaskus ab,
der Ton aus dem Nachbarland Türkei hat sich bedeutend verschärft. Es
wird einsam um Assad junior. Zur Erinnerung: Als sich die Arabische
Liga von Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi abwandte, war dies der
entscheidende Schritt zu jener UN-Sanktion, die schließlich die
Luftangriffe auf die Truppen des Regimes ermöglichte.

Etwas Ähnliches muss Assad zwar nicht fürchten: Auf das Abenteuer
einer Militäraktion gegen Syrien will sich in der Nato, wo die
Libyen-Müdigkeit schon länger nicht mehr zu verbergen ist, derzeit
wohl niemand einlassen - auch wenn Assad sich offenbar alle Mühe
gibt, mit Gaddafi gleichzuziehen, siehe den angeblichen Beschuss der
Küstenstadt Latakia durch Kriegsschiffe am Wochenende. Aber es wäre
eine Schande, wenn nicht einmal eine einigermaßen kräftig formulierte
UN-Resolution zustande käme, die das Vorgehen des Regimes verurteilt.
Nur mehr pro forma redet die türkische Führung - einer der wenigen
funktionierenden Kanäle nach Damaskus - von nötigen Reformen im
Nachbarland. Was für Reformen könnten das jetzt noch sein? Warum
sollte Assad, der seit seinem Amtsantritt vor zehn Jahren Hoffnungen
jede Hoffnung auf politische Öffnung enttäuschte, seiner 297.
Ankündigung Tagen folgen lassen?
Der "Point of no return" ist längst erreicht, Assad hat sich jeden
anderen Weg selbst nachhaltig verbaut, er hat nichts mehr zu
gewinnen. Bleibt die reale Gefahr, dass er unter Ausnutzung
ethnisch-konfessioneller Rivalitäten das ganze Land in einer Art
riesigem Selbstmordanschlag in die Luft sprengt.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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