- 30.07.2011, 18:23:00
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"Die Presse am Sonntag" - Leitartikel: Der Wilde Westen, worldwide, von Ulrike Weiser
Ausgabe vom 31.07.2011
Wien (OTS) - Nichts gegen gepflegte Polemik, aber im Internet wird
das Recht auf freie Meinung notorisch mit dem Recht auf Beleidigung
verwechselt.
Eines muss man sowohl Werner Königshofer als auch dem Sänger
Morrissey lassen: Sie stehen zu ihrer Unerträglichkeit. Beide, der
Ex-FPÖ-Abgeordnete, der das Massaker auf Utöya mit Abtreibung
verglich, und der streng vegetarische Sänger, der den Anschlag für
weniger schlimm als McDonald's hält, haben diesen Unsinn unter ihrem
eigenen Namen verzapft. In der Regel werden solche Äußerungen - und
davon gibt es nicht wenige - nämlich öffentlich, ohne dass man die
Identität der Verfasser kennt: als Posting oder Blog-Eintrag im
Internet.
Dort, das weiß man nicht erst seit der vergangenen Woche, herrscht
ein rauer Ton: Politiker sollen hängen, Banker erschossen werden, und
das Wort Islam löst einen garantierten verbalen Beißreflex aus.
Dinge, wie sie auch Anders Breivik gepostet haben soll, sind im
virtuellen Wilden Westen nichts Besonderes. Gleich nach dem Anschlag
hat Peter Gridling, Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz und
Terrorismusbekämpfung, daher gefordert, "verdächtige
Interneteinträge" vorsorglich speichern zu dürfen. Das ist aus guten
Gründen abzulehnen - wer will schon einen "Spitzelstaat"? Allerdings
macht das den Umkehrschluss nicht richtig, nämlich, dass alle
Internetnutzer eine Netzöffentlichkeit, in der verbale Gewalt zum
Umgangston gehört, in Ordnung finden. Eine Öffentlichkeit, in der die
Regeln der sozialen Kommunikation nicht zu gelten scheinen. Im Schutz
der Anonymität und ohne persönliches Gegenüber posten "teufelchen XY"
und "susi sonderbar" (Ähnlichkeiten mit real benutzten Nicknames sind
reiner Zufall) Dinge, die sie "draußen" nie sagen würden. Weil die
Menschen "in echt" halt leider nicht so nett sind, wie man sie gern
hätte? Das auch. Allerdings: So schlimm, wie sie sich geben, sind sie
auch wieder nicht.
Das Problem im Netz ist, dass Meinungen - aus dem Kontext der Person
gerissen - ein undurchschaubares Eigenleben entwickeln. Man weiß
nicht, wie Aussagen gewichtet sind: Meint er das ironisch, schreibt
er sich in Rage, weil er einen schlechten Tag hatte, oder bastelt er
Bomben? Oder ist es bloß ein "Troll" - so nennt man User, die ein
Forum durcheinanderbringen wollen. Aus dieser Unsicherheit aber
erwächst ein Mindestmaß an Verantwortung. Denn nicht wenige
verwechseln die Mikroöffentlichkeit im Netz, in der das Recht des
Lauten gilt, mit der Mehrheitsmeinung - unangenehme Rückkoppelungen
in die haptische Realität inklusive.
Die Lösung? Der neue Dienst "Google+" hat eine Debatte darüber
ausgelöst, ob man im Internet unter echtem Namen auftreten soll. Das
senkt die Aggressivität. Allerdings ist Anonymität auch eine der
großen Stärken des Internets, die man bei anderen Anlässen (der
arabischen Revolution etc.) beschwört und um die es schade wäre. Umso
wichtiger ist daher, dass man sie nicht missbraucht, indem man das
Recht auf freie Meinung ständig mit dem Recht auf Beleidigung
verwechselt. Das bringt nicht nur das Internet um gute Debatten,
sondern auch die "Offline-Welt". Ist die Diskussion dort angekommen,
müsste man freilich ganz altmodisch Verantwortung für Gesagtes
übernehmen, müsste argumentieren, streiten, sich erklären. Doch
darauf haben "susi sonderbar" und "teufelchen XY" halt wenig Lust.
Rückfragehinweis:
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