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"Die Presse"-Leitartikel: Eine Hungerkatastrophe als drastischer Weckruf, von Wieland Schneider
Ausgabe vom 28. 07. 2011
Wien (OTS/Die Presse) - Die internationale Hilfe muss rasch
anlaufen, um tausende Menschen in Ostafrika zu retten. Grundsätzliche
Probleme wie den Krieg in Somalia löst sie aber nicht.
Verzweifelte Frauen, die ausgemergelte Kinder in den Armen halten;
überfüllte Flüchtlingslager, in die sich zahllose Menschen mit
letzter Kraft geschleppt haben. Bilder wie diese sind in den
vergangenen Jahrzehnten gleichsam zum Synonym für Afrika geworden.
Afrika ist freilich weit mehr als Hunger und Elend. Afrika ist ein
gewaltiger Kontinent - weitaus größer und vielfältiger als Europa:
mit unterschiedlichen Völkern und Kulturen, mit Gegenden, die von
Kriegen verwüstet werden, aber auch mit aufstrebenden Staaten, die
zuletzt ein beachtliches Wirtschaftswachstum hingelegt haben.
Nun gehen wieder Aufnahmen verhungernder Menschen um die Welt. Auch
sie sind ein Abbild der Realität - jener Realität, die derzeit am
Horn von Afrika und in Teilen Kenias herrscht. Die Gegend wird von
einer Dürre heimgesucht. Und als wäre das nicht genug, tobt in
Somalia ein schier endloser Krieg - eine tödliche Kombination, die
das Überleben Hunderttausender in Gefahr bringt.
Die Ernährungsorganisation der UNO versprach umfangreiche Hilfe. Per
Luftbrücke sollen Lebensmittel in die vom Hunger gepeinigten Gebiete
gebracht werden. Und die EU-Kommission teilte mit, weitere 28
Millionen Euro bereitzustellen. Doch die Hilfe läuft nur schleppend
an. Wegen Zollproblemen verzögerten sich erste Lieferungen - ein
haarsträubender Umstand, angesichts des Leids der Betroffenen.
Die internationalen Maßnahmen sind überlebenswichtig für die
Menschen, denen der Hungertod droht. Sie sind eine Soforthilfe, die
so rasch wie möglich erfolgen muss. Doch sie ändern nichts an den
grundsätzlichen Problemen am Horn von Afrika - Probleme, die schon in
der Vergangenheit Tausende ins Unglück gestürzt haben, nur angesichts
fehlender Bilder von Massenelend nicht die nötige Aufmerksamkeit
erzielt haben.
Das wäre zunächst das Problem Somalia: Dort tobt seit Jahrzehnten ein
Bürgerkrieg unter zeitweiliger Beteiligung externer Mächte. 1992
versuchte eine UN-Truppe unter Führung der USA, Somalia zu
stabilisieren. Doch die amerikanischen Soldaten wurden in die
internen Wirren verstrickt, erlitten Verluste - und zogen ab. 2006
kehrten die USA gleichsam zurück - nicht direkt, aber über ihren
Verbündeten Äthiopien. In Somalia hatten islamistische Milizen die
Macht übernommen und Washington fürchtete, die al-Qaida könnte sich
in dem strategisch wichtigen Land einnisten. Auch Äthiopien fühlte
sich von den Milizen bedroht und erhielt von den USA grünes Licht zu
intervenieren.
Heute sind Äthiopiens Truppen längst abgezogen, und große Teile
Somalias werden von der islamistischen al-Shabaab-Miliz kontrolliert.
Die Extremisten haben der internationalen Gemeinschaft verboten, die
Hungernden in den von ihnen beherrschten Gebieten zu versorgen. Die
ugandischen und ruandischen Soldaten der internationalen
Friedenstruppe schaffen es gerade, den Sturz der somalischen
Übergangsregierung durch al-Shabaab zu verhindern.
Weder die USA noch die europäischen Staaten verspüren große Lust,
sich an einer internationalen Truppe in Somalia zu beteiligen. Doch
eines ist klar: Solange in dem Land Krieg tobt, werden sich die
Flüchtlingslager in der Region weiter füllen und tausende Menschen
dem (Hunger-)Tod zum Opfer fallen.
Auch in Somalias Nachbarschaft sieht die politische Lage nicht gerade
rosig aus. Eritrea ist eine Diktatur, aus der jedes Jahr unzählige
Menschen nach Europa zu fliehen versuchen. Äthiopien ist
demokratischer, dennoch nicht gerade ein Leuchtturm der Freiheit.
Doch darüber wird in Europa und den USA immer wieder großzügig
hinweggesehen, denn Äthiopiens Regierung zählt zu den Verbündeten.
Und fast wirkt es zynisch, dass dieselbe EU, die jetzt zur Linderung
der Hungerkatastrophe großzügig Finanzhilfe verteilt, sich nach wie
vor gegen afrikanische Produkte abschottet und keinen echten freien
Markt zulässt, von dem die Afrikaner langfristig profitieren könnten.
Die Katastrophe in Ostafrika sollte nicht zum Synonym für einen
ganzen Kontinent werden. Sie ist aber ein Symptom für die Lage in
einer bestimmten Region, ein drastischer Hinweis auf Probleme, die
international zuletzt zu wenig Beachtung fanden.
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