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"Die Presse" Leitartikel: Man muss einfach zur Tagesordnung übergehen, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 25.07.2011
Wien (OTS) - Das Attentat von Oslo und Ut\x{2588}ya erklärt nichts und
lässt sich nicht erklären. Doch die Versuchung, es politisch zu
instrumentalisieren, scheint unwiderstehlich zu sein.
Nach monströsen Ereignissen wie der Ermordung von fast 100 Menschen
durch einen Psychopathen lautet eine der Standardphrasen, man könne
nach einem so schwerwiegenden Ereignis nicht zur Tagesordnung
übergehen. Das trifft sicher auf die direkt Betroffenen zu. Für sie
ist es schlechterdings unmöglich, zur Tagesordnung überzugehen. Sie
bedürfen der intensiven Betreuung von Spezialisten, die den
überlebenden Opfern dabei helfen, die Auswirkungen des Erlebten auf
ihr weiteres, auf ihr ganzes Leben in einem erträglichen Rahmen zu
halten.
Wenn man so weit gehen möchte, das Land, in dem ein solches Ereignis
stattfindet, als Betroffenen zu betrachten, wird auch dort der
Übergang zur Tagesordnung nicht sofort erfolgen können. Es gibt gut
erprobte Rituale der Trauer, der Versicherung des Zusammenhaltes und
der Selbstvergewisserung als Gesellschaft, die sich in ihrem
Selbstverständnis nicht dadurch beeinträchtigen lässt, dass in ihrer
Mitte das Böse sichtbar geworden ist.
Alles, was darüber hinausgeht, jeder Versuch, die Quellen für die
wirren Fantasien eines Psychopathen zur Diskreditierung des
politischen Gegners heranzuziehen, kommt einer Ausbeutung der Opfer
gleich. Sie hat mit der Veröffentlichung jenes 1500 Seiten starken
"Manifestes" mit dem Titel "2083 - A European Declaration of
Independence" begonnen, das der Attentäter kurz vor der Tat
veröffentlicht hat. Es zeigt, an welchen Schnittstellen sich die
kranke Persönlichkeit eines 32-Jährigen mit Material zur Befriedigung
seiner außer Kontrolle geratenen Macht- und Größenfantasien versorgt
hat.
Auf "spiegel.de" findet sich eine Analyse des "Manifestes" von Anders
Behring Breivik, die nahelegt, dass er im Wesentlichen Material, das
er in einschlägigen Blogs gefunden hat, montiert hat. Seine
wichtigste Quelle sei der Blogger "Fjordman", in rechten
Bloggerkreisen habe es sogar eine Debatte darüber gegeben, ob nicht
Breivik selbst, der schon 2009 unter der Mailadresse
year2083@gmailcom agiert habe, hinter dem Pseudonym "Fjordman" stehe.
"Fjordman" habe sich nun mehrmals zu Wort gemeldet, um klarzustellen,
dass er nicht der Massenmörder sei, und müsse seither "nur" noch mit
dem Vorwurf leben, dass er "ein Brandstifter" sei, Breiviks
"Inspiration".
Anders Behring Breivik war offensichtlich seit Jahren in jenem Teil
der Bloggerszene aktiv, die sich selbst als "antidschihadistisch"
definiert. Diese Szene ist pro-israelisch und prowestlich, mit dem
althergebrachten, nationalsozialistisch inspirierten
Rechtsextremismus will sie nichts zu tun haben. Ihr Thema ist die
"Islamisierung" mit all ihren Nebenthemen vom Anti-Multikulturalismus
bis zum "wehrhaften Christentum". Die Grundthesen, die dort
debattiert werden, finden sich auch in den offenen Debattenforen
etablierter, seriöser Medien.
Wer Breiviks "Manifest" querliest, wird dort wenig finden, das er
nicht auch in den Postings zu Themen der internationalen Tagespolitik
finden könnte. Es sind Dokumente der Auflehnung gegen die Political
Correctness, deren Autoren unter dem Schutzmantel der Anonymität die
Möglichkeit sehen, ihr Gefühl von Ohnmacht und vom Betrogen-Werden
durch ein politisches "Establishment", das auf die "wirklichen
Sorgen" der Bürger keine Rücksicht nimmt und die "Wahrheit" über die
Bedrohung der abendländischen Kultur verschweigt, in Form offener
Aggression auszuagieren.
Unter den Postern, die dort aus sich herausgehen, sind viele, die in
der wirklichen Welt ein ehrbares bürgerliches Leben leben. Man sollte
darauf vertrauen, dass Gewaltexzesse wie jener von Oslo und Ut\x{2588}ya ein
gewisses Maß an Nachdenklichkeit auslösen.
Menschen, die mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die
Zuwanderung und kulturelle Entgrenzung mit sich bringen, nicht
zurechtkommen, als Terror-Brandstifter zu denunzieren wird das
Problem nicht lösen. Man kann nur zur Tagesordnung übergehen. Und auf
der sollte ganz oben die Frage stehen, wie man die Debatte über
Chancen und Risken unserer neuen gesellschaftlichen Wirklichkeiten
aus der aggressiven Anonymität der virtuellen Welt zurück in den
politischen Diskurs holen kann.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
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