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Die Presse am Sonntag - Leitartikel: "Die norwegische Katastrophe", von Rainer Nowak
Ausgabe vom 24.07.2011
Wien (OTS) - Rechtspopulisten an den Pranger? Mehr Befugnisse für
Geheimdienste? Aus dem Anschlag in Oslo und auf Utoya lassen sich
(bis jetzt) keine Schlüsse ziehen. Außer, dass es keine Garantie für
ein Idyll gibt.
Die erste Reaktion auf den Massenmord von Oslo und Utoya am
Freitagabend war bei vielen Beobachtern ähnlich. Es zeigte, wie uns
der 11. September 2001 und die Jahre danach geprägt haben. Dahinter,
so der Reflex, muss die Terrororganisation al-Qaida stehen. Doch es
war ein Norweger, ein bis dahin vergleichsweise normal lebender
32-Jähriger, der das schlimmste Massaker anrichtete, das Skandinavien
seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hatte. Anders Behring Breivik heißt
er, er könnte einen (?) Komplizen haben und hat sicher
rechtsradikalen Hintergrund.
Der Mann, der auf Facebook sein Faible für Gewaltcomputerspiele zur
Schau stellte, plante den Anschlag genau, kaufte Tonnen an
Kunstdünger für die Bombe. Doch das Bombenattentat in Oslo, die
Attacke auf das Regierungsviertel und das politische Zentrum waren
wohl auch ein Ablenkungsmanöver. Denn seelenruhig fuhr der Mann
danach auf die Insel, auf der das jährliche Jugendcamp der
sozialdemokratischen Arbeiterpartei stattfindet, und schoss als
Polizist verkleidet auf 100 Kinder und Jugendliche. Exekutierte
Verletzte ohne Hemmung. Fast eine Stunde lang dauerte das Morden, bis
eine Einheit der Polizei auf der Insel landete.
Der Regierungschef und Vorsitzende der Arbeiterpartei, Jens
Stoltenberg, der das Sommercamp auf Utoya seit 1974 jedes Jahr
besucht hatte, meinte: "Ein Paradies der Jugend wurde in wenigen
Stunden zur Hölle." Der Anschlag trifft nicht nur Norwegen ins Herz,
sondern auch die europäische Sozialdemokratie, deren Hochburg die
skandinavischen Länder trotz wechselnder Wahlerfolge immer waren. Die
sommerliche Camp-Romantik ist ein fest eingebranntes Bild, das gut zu
den bescheidenen Sozialstaaten im Norden gepasst hat. Gegen das
richtete sich wohl auch die unvorstellbare Aggression des
Attentäters.
Dass er halbe Kinder als Opfer ausgewählt hat, könnte einem zynischen
Motiv gefolgt sein, so ein Psychologe: "Wie kann ich der Gesellschaft
möglichst große Schmerzen zufügen?" Das ist Anders Behring Breivik
zweifellos gelungen. Die weltweiten Reaktionen am Samstag zeugten von
einer enormen Anteilnahme an den Opfern des Massakers von Utoya und
Oslo. Aus der Hilflosigkeit werden nun sicher wie nach Tragödien
immer Forderungen erhoben: Der österreichische Geheimdienstchef
möchte etwa mehr Befugnisse. Die Politik der Rechtspopulisten in
Skandinavien und anderswo wird an den Pranger gestellt werden. Und
vermutlich wird bald auffallen, dass Sicherheitsvorkehrungen auf
Jugendsommercamps meist nach innen und fast nie nach außen gerichtet
sind.
Allerdings: Ändern würde das auch nichts. Der 22. Juli 2011 ist wohl
kein norwegisches 9/11 - nichts, worauf man mit Politik und Strategie
reagieren kann, nur mit Angst, die auch nichts bringt. Der vergangene
Samstag ist (nach bisherigem Stand) das Datum einer Tragödie, das uns
daran erinnert, dass unfassbare Anschläge auf die Menschlichkeit
überall passieren können. Auch unerwartet in einem auf den ersten
Blick idyllischen Land wie Norwegen. Oder Österreich.
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