- 22.07.2011, 11:59:51
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Ernteverlauf wirft Österreichs Prognosen wiederum über den Haufen
Schwarzmeerländer unterbieten die EU und USA mit großen Ernten am Weltmarkt
Wien (OTS) - Der Verlauf der Getreideernte in Österreich scheint
wieder einmal alle Prognosen über den Haufen zu werfen. Die Berichte
über die an Winter- und Sommergerste, Raps und auch Weizen
eingefahrenen Erträge und deren Qualität legen nahe, dass die von den
Landwirtschaftskammern Ende Juni prognostizierte "mäßige bis
durchschnittliche Ernte" von knapp 2,7 Mio. t Getreide (2010: 2,76
Mio. t, minus 2,2%) und "hervorragenden Weizenqualitäten" bei der
Menge nach oben und speziell beim Proteingehalt des Weizens nach
unten revidiert werden muss. Mitte der Woche stoppte Regen die
Mähdrescher. Die Landwirte hoffen nun auf ein Schönwetterfenster und
vor allem darauf, dass die Niederschläge nicht die Fallzahlwerte des
Weizens in Mitleidenschaft ziehen. Nach wie vor haben sich am
heimischen Kassamarkt abgesehen von Futtergerste und Raps noch keine
Preise gebildet. Die internationalen Terminmärkte ringen derweil um
Orientierung und können auch kaum Anhaltspunkte liefern. Dennoch
hielten sich die Kurse an der Pariser Euronext die Woche über meist
auf den für die Erntezeit immer noch respektablen Werten von knapp
EUR 200,- pro t für den Weizenfutures, über EUR 200,- für den Mais-
und über EUR 440,- pro t für den Rapsfutures jeweils zur Lieferung im
November.
Druck auf die Warenterminbörsen in Paris und Chicago geht vor
allem aber von den aggressiven Billigangeboten von Getreide am
Weltmarkt aus den Schwarzmeerländern aus. Russland und die Ukraine
setzen offenbar alles daran mit Diskontpreisen für Getreide ihre
führenden Stellungen am Weltmarkt als Exporteure nach ihrem Ausfall
in der Saison 2010/11 wieder zurückzuerobern. Um praktisch jeden
Preis zu verkaufen, soll offensichtlich auch möglichst rasch Bares in
die Kassen der unter Liquiditätsmangel leidenden Produzenten in
diesen Ländern spülen.
Schwarzmeerländer unterbieten mit großen Ernten am Weltmarkt EU und
USA
Russland und die Ukraine unterbieten am Weltmarkt, speziell im
Nahen Osten, mit aggressiven Kalkulationen europäische und
US-amerikanische Exporteure - beim Weizen zurzeit etwa um USD 40,-
bis 50,- (EUR 28,13 bis 35,16) pro t - und steigen dick ins Geschäft
ein. Russland hob zuletzt seine Ernteprognose auf 85 bis 90 Mio. t
(2010: 61 Mio. t) und die für die Exporte von 15 Mio. t auf 18 Mio. t
Getreide an und die Ukraine ihre Ernteerwartung von 45 Mio. t auf 47
Mio. t (2010: 39 Mio. t) an. Damit soll das Exportpotenzial von 20
auf 23 Mio. t anwachsen.
Ukraine vor Comeback auf weltgrößten Weizenzuschussmarkt Ägypten
Die ukrainischen Exporteure beklagen zwar, von einer Exportsteuer
und der Streichung der Mehrwertsteuerrückvergütung benachteiligt zu
werden, können sich aber Hoffnungen machen, wieder auf dem größten
Weizenimportmarkt der Welt, nämlich Ägypten, mit jährlich rund 10
Mio. t Zuschussbedarf Fuß fassen zu können. Die staatliche ägyptische
Getreideaufkaufsagentur GASC will nämlich die Ukraine bei künftigen
Importausschreibungen wieder als Herkunft anerkennen, nachdem sie ihr
Ende 2008 wegen Qualitätsproblemen die Zulassung entzogen hatte. Wenn
auch die Ägypter weiterhin eher russischer Herkunft die Treue halten
dürften, so wird die Einladung der Ukraine zu den Tendern als
taktisches Manöver im Land am Nil gesehen, den Wettbewerb und darüber
die Aggressivität der Preisgebote anzuheizen. Denn auch mangelnde
Qualität russischen Weizens geriet in Ägypten 2009 schon in die
Schlagzeilen. Auch die Russen wurden deshalb von der GASC erst
kürzlich wieder als Lieferant akzeptiert. Es heißt, dass sich die
staatliche ägyptische Getreideimportagentur durch die Wiederzulassung
Russlands binnen Wochenfrist USD 4 Mio. (EUR 2,81 Mio.) gegenüber den
Einkäufen bei ihren früheren Lieferanten wie Frankreich oder die USA
erspart hätten.
Europäische Anbieter können zurzeit nur tatenlos zusehen
Die Europäer, speziell die Franzosen, können dem bei ihrem
aktuellen Preisniveau zurzeit nur tatenlos zusehen. Sie können nur
auf ihren Qualitätsvorteil setzen, dafür zahlt aber momentan niemand
was. Russland bekam erst dieser Tage den Zuschlag für einen 180.000 t
schweren Weizentender Ägyptens und eine Ausschreibung Jordaniens über
50.000 t soll zu Preisen von USD 293,- (EUR 206,19) pro t c&f (cost
and freight) auch an einen der beiden Schwarzmeer-Exporteure Russland
oder Ukraine gegangen sein, wobei europäische und US-amerikanische
Exporteure mit ihren Angeboten allesamt deutlich über USD 300,- (EUR
210,94) gelegen seien. Zuvor schon deckte sich Jordanien mit 150.000
t russischem Weizen ein. Es wird auch spekuliert, dass Russland
versucht über die Diskontpreise vorerst aus dem Exportstopp der
Saison 2010/11 übrig gebliebene alterntige Weizenpartien an den Mann
zu bekommen, ehe man die neue Ernte vermarktet. Nicht zuletzt steht
Russland auch im Verdacht, mit Subventionen, etwa für den Transport,
seinen Exportgeschäften nachzuhelfen.
EU ist zurzeit Nettoimporteur von Getreide
Die EU bleibt damit im drei Wochen jungen Wirtschaftsjahr 2011/12
Nettoimporteur von Getreide, obwohl auch unionsweit die Ernteberichte
höhere Erträge signalisieren als lange Zeit in den Ertragsprognosen
vorhergesagt. Laut EU-Kommission wurden in der abgelaufenen Woche bis
21.07.2011 Lizenzen für 236.000 t Weichweizenexport ausgegeben, womit
sich der Export 2011/12 auf 595.000 t summiert (gleicher Zeitraum
2010/11: 670.000 t). Die gesamten Getreideexporte der EU legten in
der letzten Woche um 430.000 t auf 942.000 t zu (2010/11: 1,14 Mio.
t).
Gleichzeitig aber schnellten die Weizenimportzahlen der EU im
Wochenabstand um 837.000 t auf 2,5 Mio. t (2010/11: 71.000 t) in die
Höhe und die gesamten Getreideeinfuhren der Union im laufenden
Wirtschaftsjahr auf 2,48 Mio. t nach nur 231.000 t im
Vergleichszeitraum des Vorjahres. Insbesondere die
Schweinemastindustrie auf der iberischen Halbinsel saugt gierig
billigen Futterweizen aus dem Schwarzmeerraum auf, nachdem man vorige
Saison auf teuren europäischen Weizen angewiesen war.
Die USA meldeten für die abgelaufene Woche ebenfalls eher maue
Exportzahlen von 344.400 t Weizen - um 34% weniger als in der
Vorwoche - und 428.700 t Mais - ein Minus von 11% im Wochenabstand.
Die Schwäche des US-Dollars gegenüber dem Euro bremst die
Wettbewerbsfähigkeit von Anbietern aus der EU zudem relativ gesehen
auch noch gegenüber dem US-Mitbewerb. Auch sind 2011 die
Transportkosten zur See dramatisch verfallen. Der Baltic Dry Index
(BDI), die in London notierten Kassamarktpreise für die
Seefrachtkosten von Schüttgut wie Getreide oder Erze, hat wegen eines
Überangebots an Schiffsraum und der unsicheren Stimmung der
Weltwirtschaft seit Jahresbeginn um 20% nachgegeben.
Überraschend hohe Erträge werfen Österreichs Ernteprognose über den
Haufen
Definitiv müsse man die Ernteprognose für Österreich von 2,7 Mio.
t Getreide beziehungsweise 4,7 Mio. t Mais nach oben revidieren,
heißt es auf Anfrage von aiz.info von Experten sowohl in der
Niederösterreichischen Landwirtschaftskammer als auch in der AMA. Von
einer mäßigen bis durchschnittlichen Ernte könne nicht mehr
gesprochen werden, es werden schon mehr als 5 Mio. t genannt. Der
Regen im Juni habe die Kornfüllung über Erwarten begünstigt. Vor
allem die Sommerungen hätten die Trockenheit im Frühjahr überraschend
gut weggesteckt, sodass etwa bei der Sommergerste neben den Erträgen
auch die Qualitätsparameter wie Siebung sehr gut seien. Auch Durum
hat sich bestens gemausert.
Bei den Winterungen erbringt Weizen ebenfalls Erträge, die man
nicht mehr erhofft hatte, und weist ein sehr gutes Hektolitergewicht
auf. Fallzahlen und Proteinwerte sind allerdings schwächer als in
Normaljahren. Noch bereitet der Regen keine Sorgen für die
Fallzahlwerte, doch sollte es nicht mehr allzu lang nass bleiben.
Nunmehr müsse man sich die inneren Werte des eingebrachten Weizens
ansehen.
Mehr Futter-, Ethanol- und Mahlweizen dank Industriekapazitäten am
Markt unterzubringen
Wenn auch die Ernte 2011 höhere Anteile an Futter-, Ethanol- und
Mahlweizen bringt und relativ weniger Qualitätsweizen und einen
geringen Anteil Premiumweizen, stehen dem die Vermarkter dennoch
relativ gelassen gegenüber: In den letzten Jahren seien in Österreich
derart viele industrielle Verarbeitungskapazitäten geschaffen worden,
dass die Ware neben den Mischfutterwerken auch anderswo locker bei
Verarbeitern unterzubringen ist. Auch die inländischen Mühlen dürften
nicht unglücklich über einen höheren Mahlweizenanteil im
Rohstoffangebot sein, weil sie damit nicht wiederum zwangsweise auf
oftmals nicht in diesem Umfang benötigte höhere Qualitätssegmente
zugreifen müssen.
Stärkere Differenzierung der Weizenpreise nach der Qualität zu
erwarten
Die starke Streuung der heimischen Weizenqualitäten und ein durch
Produktionsausfälle in USA und Kanada weltweit nur sehr knapp
versorgtes Marktsegment für hochwertige Aufmischweizen lassen in
Österreich heuer eine ungewöhnlich starke Differenzierung der
Weizenpreise nach der Qualität erwarten. Zwar ist noch nicht
absehbar, auf welchem Level sich die Preise für Basisqualität
etablieren werden - an der Euronext in Paris hielt sich einfacher
Mahlweizen zuletzt immer noch knapp unter EUR 200,- pro t -, doch
dürften sich die Preise für Qualitäts- und Premiumweizen ordentlich
davon absetzen.
Raps erzielt trotz überraschend hoher Erträge Spitzenpreise
Auch die Rapsbestände, die vielerorts sehr traurig ausgehen und
Schlimmes für die Ernte hätten befürchten lassen, liefern Erträge,
die man niemals zu erhoffen gewagt hätte. Hinter vorgehaltener Hand
ist in Niederösterreich von durchschnittlich 35 dt pro ha zu hören.
Und trotz der hohen Erträge hält sich Raps auf einem seit Jahren
nicht dagewesenen Preisniveau. In Wien notierte der Kassamarktpreis
für inländischen Raps der Ernte 2011 dank der europaweit engen
Versorgungslage am Mittwoch dieser Woche mit EUR 445,-. Dies lag
sogar noch einen Tick über der Pariser Rapsnotierung an der Euronext.
Futtergerstenmarkt vor ungewissen Aussichten
Der heimische Futtergerstenmarkt plätscherte in der Vorwoche
seicht weiter, wobei die obere Notierung an der Wiener Produktenbörse
eine Spur auf EUR 180,50 pro t nachgab. Interessant für diesen Markt
wird aber, wie viel von der Sommergerste - von der ebenfalls hohe
Erträge und gute Qualitäten berichtet werden - braufähig ist und wie
viel im Futtertrog landen wird. Dementsprechend reichen die
Aussichten von Unterversorgung bei Futtergerste mit festen Preisen
und Importbedarf beziehungsweise teilweiser Substitution durch
Futterweizen bis hin zum Einbruch der Futtergerstenpreise.
Bio-Getreideernte: Mehr Futter- und weniger Speisegetreide -
Vermarktung sollte gelingen
Die Bio-Getreideernte bringt ebenfalls hohe Erträge, nicht aber
die erhofften Spitzenqualitäten. Bei Weizen mangle es insbesondere an
den Fallzahlen, ist zu hören. Damit wird dem Markt aus der Ernte 2010
mehr Bio-Futtergetreide und weniger Speisegetreide zur Verfügung
stehen, als man angenommen hatte. Da von Umstellerbetrieben 2011/12
weniger Futtergetreide nachdrängt, besteht aber ohnehin ein
Versorgungsdefizit, das sich nun auflösen lässt. "Die Vermarktung der
Bio-Getreideernte 2011 sollte in aller Ruhe gelingen", heißt es dazu
im Handel.
Bio-Bauern warten noch immer auf ohnehin magere Nachzahlung der BQG
aus 2010
Weiter warten auf das Geld der vertraglich für 20.06.2011
vereinbarten Endabrechnung heißt es für Bio-Bauern, die ihre Ernte
2010 über die Bio-Qualitätsgetreide GmbH (BQG) vermarktet haben.
Bekanntlich wurden für 80% des Speiseweizens EUR 170,- pro t an
Akontozahlung geleistet, bei Dinkel und Roggen waren es EUR 160,- und
stellte die BQG dann am 24.06.2011 nach eigenen Angaben "nicht
zufriedenstellende" Nachzahlungen für Weizen von EUR 50,- bis 65,-
und bei Roggen und Dinkel im Schnitt von EUR 40,- in Aussicht, wobei
bei den Gesamtpreisen noch Dienstleistungskosten für die BQG von etwa
EUR 38,- pro t abzuziehen sind. Die angekündigte Nachzahlung ist aber
noch immer nicht erfolgt.
(Schluss) pos/pom
Rückfragehinweis:
aiz.info - Agrarisches Informationszentrum, Pressedienst,
Tel.: 01/533 18 43
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www.aiz.info
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