• 20.07.2011, 18:30:04
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"Die Presse"-Leitartikel: Durch die Hintertür ins Zentrum der Macht, von Irene Zöch

Ausgabe vom 21.07.2011

Wien (OTS) - Wenn sich Labour über das Nahverhältnis von
Murdoch-Medien zu David Cameron empört, ist das pure Heuchelei. Auch
ihre Premiers lebten in dieser Symbiose.

Rupert Murdoch ist der mächtigste Medienmacher Großbritanniens. Das
Büro des britischen Premiers in der Downing Street 10 betrat der Chef
des Konzerns "News Corp" dennoch - oder gerade deswegen - meist nur
durch die Hintertür. Weshalb er nicht den Haupteingang benutze, wurde
der 80-Jährige vom parlamentarischen Ausschuss gefragt, der ihn in
London zur Abhöraffäre seines mittlerweile zugesperrten
Boulevardblatts "News of the World" vorgeladen hatte. Er habe einfach
befolgt, worum ihn das Pressebüro des Premiers gebeten habe, erklärte
Murdoch. Unbeobachtet von der Öffentlichkeit, von lauernden
Journalisten stahl sich der Manager durch den Hintereingang in das
Haus des Premiers.

Und der kleine Versprecher, den Murdoch dann machte, legte wohl mehr
über die enge Verbindung zwischen Medien und Politik offen, als ihm
lieb war: Er verwechselte die Namen der Pressesprecher der
derzeitigen konservativen Regierung mit dem Namen eines
Pressesprechers einer vorigen Labour-Regierung. So genau schien
Murdoch es nicht mehr zu wissen. Letztendlich ist es auch egal, denn
für alle britischen Premiers gehörte und gehört es dazu, sich das
Wohlwollen des Chefs des größten britischen Medienkonzerns zu
sichern. Der britische Murdoch-Ableger "News International"
kontrolliert fast die Hälfte des gesamten britischen Zeitungsmarktes.
Mit der Meinung der Boulevardblätter steht und fällt ein
Regierungschef - nicht nur, aber besonders in Großbritannien.

Labour-Chef Ed Miliband lässt sich nun die Gelegenheit nicht
entgehen, seinen Kontrahenten Cameron wegen seiner engen Kontakte zu
den Hauptakteuren im Abhörskandal vorzuführen. Immerhin stellte
Cameron im Jahr 2007 den Vizechefredakteur von "News of the World"
als seinen Pressechef ein - nur wenige Monate nachdem dieser das
Skandalblatt wegen der Abhöraffäre verlassen musste (damals ging es
um das Anzapfen eines Mobiltelefons eines Angestellten der
königlichen Familie). Dass Cameron eisern an Coulson festhielt, auch
als er wiederholt auf Coulsons undurchsichtige Rolle angesprochen
wurde, war sicherlich kein kluger Schachzug. Spät, aber doch hat sich
Cameron nun von Coulson distanziert. Dass der Premier äußerst rasch
zwei unabhängige Untersuchungsausschüsse eingesetzt hat, die auch
schon ihre Arbeit aufgenommen haben, spricht für ihn - und dürfte ihm
in dieser heiklen Situation auch Kopf und Kragen retten.

Labour-Chef Miliband scheint in dieser Debatte einiges zu übersehen:
Auch der frühere Labour-Premier Tony Blair engagierte seinen
Pressesprecher Alistair Campbell frisch von einer Zeitung weg. Auch
Tony Blair traf sich gern mit Rupert Murdoch, wann immer und wo immer
möglich. Blair flog sogar einmal für eine Unterredung mit Murdoch
nach Australien - auf Kosten Murdochs. Blair verdankt wie kaum ein
anderer Premier dem Massenblatt "Sun" seinen Aufstieg (allerdings
auch seinen Untergang). Rupert Murdoch benutzte die Hintertür zur
Downing Street 10 aber auch noch, als Gordon Brown Regierungschef
war.

Natürlich tauschen Politiker und Medienmacher Meinungen aus,
natürlich treffen Parlamentarier Journalisten zu einem Gespräch bei
einem Kaffee - es ist das Geschäft beider Berufsgruppen, sie leben
von einander. Wie weit gehen aber Politiker, um sich die Zustimmung
einer Zeitung zu sichern? Wie sehr biedern sie sich für die richtige
Schlagzeile einem Zeitungseigner an? Und welche moralischen Grenzen
überschreiten Journalisten, wenn Politiker nicht spuren? Eines hat
der Medienskandal in Großbritannien gezeigt: Politik und Medien
hatten es sich äußerst bequem miteinander eingerichtet. Ein elitärer
Zirkel, der im eigenen Saft schmorte und gar nicht merkte, dass etwas
nicht in Ordnung war.

Der Ruf nach einer Regulierungsbehörde, die zu mächtigen Zeitungen
die Flügel stutzt oder gar in einzelne Aufdeckerstorys eingreift, mag
für manche Parlamentarier zwar verlockend klingen, zielt aber in die
falsche Richtung ab. Den Skandal an die Öffentlichkeit gebracht hat
schließlich weder die Polizei noch die Politik, sondern eben eine
Zeitung, der "Guardian".

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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