• 11.07.2011, 19:42:55
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DER STANDARD - Kommentar: "Im Zweifel für die Banken" von András Szigetvari

Ohne Schuldenschnitt wird die Eurozone nicht aus den Turbulenzen kommen. (Ausgabe vom 12.7.2011)

Wien (OTS) - Um die griechische Schuldenkrise besser zu verstehen,
reicht eine simple Erkenntnis aus: Griechenhilfe hat nichts mit
Griechenland zu tun. Gemessen an seiner Wirtschaftskraft ist das Land
für die Stabilität des Euro in etwa so bedeutend wie Dornbirn (bei
aller Wertschätzung) für Österreich. Anders ausgedrückt: Ginge es
allein um die Rettung eines kleinen Mittelmeerlandes vor der Pleite,
würde in Europa kein Politiker ein Ohrwaschl rühren. Wer also, wie
die FPÖ, Plakate herausgibt, auf denen faule Griechen Geld zugesteckt
bekommen, oder, wie die SPÖ, für mehr Solidarität unter Europas
Bürgern wirbt, betreibt Populismus oder scheint das Problem nicht
ganz verstanden zu haben.
Zweck der Hilfe ist es, die Zahlungen Athens an seine Gläubiger
(Banken, Pensionsfonds) aufrechtzuerhalten. Genau da liegt das
Problem: Ohne einen Beitrag des Finanzsektors wird die Sanierung
Griechenlands scheitern. Diese Ansicht hat sich inzwischen auch bei
einigen europäischen Finanzministern durchgesetzt und am Montag
forderte selbst Commerzbank-Chef Martin Blessing die Umschuldung.
Doch noch blässt dem Projekt gehöriger Gegenwind aus Frankfurt
entgegen. Seit Beginn der Diskussionen ist es nämlich vor allem die
Europäische Zentralbank (EZB), die vor den fatalen Folgen eines
Haircuts warnt und damit eine Lösung verhindert. Es lohnt sich daher,
die Argumente der EZB näher zu betrachten. Im Falle einer Umschuldung
Griechenlands könnten andere Staaten mit umfallen und die Geldmärkte
austrocknen, meinen die Zentralbanker. Die EZB weckt Erinnerungen an
die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, die 2008 die
Finanzmärkte erzittern ließ.
Dabei hinkt der Vergleich: Athen schuldet seinen Gläubigern rund 300
Milliarden Euro. Bei Lehman waren es 430 Milliarden. Noch
wesentlicher als der Größenunterschied ist aber, dass bei Lehman
niemand wusste, bei welchen Investoren die Risiken lagern. Athens
Gläubiger sind hingegen bekannt. Dass die Finanzmärkte 2008
kollabierten, lag zudem auch an den vielen Folgerisiken, die
aufgedeckt wurden (Immobilienblase in Irland und Spanien,
Kreditabhängigkeit Osteuropas).
In einem Punkt hat die EZB aber recht: Kein Mensch weiß genau, was
nach einer Pleite Griechenlands passieren würde. Banken könnten neue
Hilfen brauchen, andere Staaten tatsächlich unter Druck geraten.
Aber Ungewissheit ist ein schwaches Argument. Denn auch derzeit sind
die Gefahren kaum abschätzbar. Dass Italien an den Märkten unter
Druck gerät, zeigt doch gerade, dass Weiterwursteln keine Lösung ist
und sich Staaten auch jetzt schon anstecken können. Bis 2014 werden
die Euroländer Griechenland 190 Milliarden Euro an Hilfskrediten
überwiesen haben. Fällt nur ein Teil dieses Betrags aus - und das ist
wahrscheinlich -, kämen auf Europas Bürger neue Sparpakete zu,
mitsamt den negativen Folgen für Konjunktur, Arbeitsplätze.
Es gibt also keinen Grund, die Ungewissheit allein den Bürgern
aufzuhalsen. Die Vermutung liegt nahe, dass die EZB derzeit einem
bewährten Muster aus der Finanzkrise folgt: Gewinne werden
privatisiert, Verluste im Zweifel lieber sozialisiert. "Ohne eine
Beteiligung des privaten Sektors steht die Legitimität der
Marktwirtschaft und der demokratischen Ordnung auf dem Spiel", meinte
unlängst der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble. Wie recht er
doch hat.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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