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"Die Presse"-Leitartikel: Gefahr aus dem Netz: Wir fürchten uns zu wenig, von Andreas Wetz

Ausgabe vom 11.07.2011

Wien (OTS/Die Presse) - Andernorts bedroht das Internet
Diktaturen, hierzulande Staat und Bürger. Es ist höchste Zeit,
IT-Sicherheit genauso ernst zu nehmen wie Einbruchschutz.

Was haben Alfred Gusenbauer, die Bundesregierung, zahllose Firmen und
Millionen Bürger gemeinsam? Antwort: Keine Vorstellung davon, wie
gefährdet sie sind.

Die immer weiter fortschreitende Vernetzung der Welt, das
Verschmelzen von Internet und Mobilfunk sowie die zunehmende
Abhängigkeit sensibler Einrichtungen von eben dieser
Kommunikationsinfrastruktur haben moderne Staaten für Angriffe aus
dem sogenannten Cyberspace anfällig gemacht. Während
Internetaktivisten im arabischen Raum an den Fundamenten von
Diktaturen rütteln, bedrohen Geheimdienste und Kriminelle im selben
Netzwerk die Demokratien entwickelter Länder. Cyber-War,
Cyber-Kriminalität und Cyber-Terrorismus sind im Schatten der
Möglichkeiten, die das Netz bietet, zu ernsthaften Gefahren geworden.
Das Schadenspotenzial basiert oft auf der Sorglosigkeit der
potenziellen Opfer. Womit sich der Kreis zu Alfred Gusenbauer
schließt.

Der ehemalige Kanzler mit Sinn für die schönen Dinge des Lebens war
hierzulande der Erste, der im Winter 2008 das In-Handy mit dem
Apfel-Logo besaß. Noch vor der offiziellen Markteinführung ließ sich
der Regierungschef in Boulevardzeitungen mit iPhone am Ohr ablichten.
Die Opposition war empört. Handelte es sich bei dem Gerät gar um
einen illegalen Grauimport? Der Politzirkus hatte seinen
Hightech-Skandal. Nur die wichtigen Fragen stellte damals niemand.
Etwa jene, welches Sicherheitsrisiko der Einsatz des Geräts mit sich
bringt.

Wenn man mit den Experten von Verfassungsschutz und Bundeskriminalamt
über die Bedeutung von Smartphones für ihre Arbeit spricht, beginnen
ihre Augen zu leuchten. Von Biografien im Hosentaschenformat ist da
die Rede. Passwörter, vertrauliche Kontakte und Notizen,
Kommunikations- und damit Persönlichkeitsprofile sind mit ein wenig
Aufwand auslesbar. Zuletzt wurde bekannt, dass das Gerät auch
heimlich den Standort des Nutzers speichert. Das verlorene oder
gestohlene iPhone eines Bundeskanzlers kann theoretisch zur Bedrohung
für eine ganze Nation werden. Für den ebenso beliebten Blackberry
gilt das Gleiche.

Die Konsequenzen? Keine. Nur Innen- und Verteidigungsministerium
haben Smartphones bisher als Sicherheitsrisiko identifiziert und kein
Interesse an Systemen, die E-Mails über Server schicken, die am
anderen Ende der Welt stehen. Und von denen niemand verbindlich weiß,
was damit geschieht. Für einen Staat ist das eine ernste
Angelegenheit.

Der Fall Gusenbauer steht exemplarisch dafür, dass wir zu
leichtfertig mit dem Thema Cyber-Security umgehen. Dem
Verfassungsschutz sind Fälle bekannt, in denen österreichische
Ministerien defekte Festplatten, auf denen vertrauliche Dokumente
gespeichert waren, von wildfremden Dienstleistern reparieren und
wiederherstellen ließen. Eine geradezu marktschreierische Einladung
für Spione ausländischer Dienste. Auch Firmen mit wertvollen Patenten
sparen so lange bei der IT-Sicherheit, bis Unterlagen aus vernetzten
Systemen verschwinden. 2010 sind fünf Fälle dokumentiert, die
Dunkelziffer dürfte höher liegen. Und: Privatpersonen geben im
Vertrauen darauf, dass ihre Daten dort sicher sind, Bankverbindungen
und Kreditkartennummern in Systeme von Konzernen wie Sony ein - bis
das Material plötzlich auf dem Schwarzmarkt auftaucht.

Was fehlt, ist das Bewusstsein für die Gefahren im Umgang mit
moderner Kommunikationstechnologie. Wie sonst ist es zu erklären,
dass jeder beim Verlassen des eigenen Hauses die Tür verschließt,
vertrauliche Daten aus ungesicherten PCs aber für einen halbwegs
begabten HTL-Absolventen ausspähbar sind? Neue Gesetze zur
Überwachung potenzieller Opfer durch den Staat werden keine Hilfe
sein. Er selbst steht nämlich im Fadenkreuz und muss lernen. Eine
Analyse des militärischen Abwehramts ist ernüchternd: Wer es richtig
anstellt, könnte mit koordinierten Cyber-Angriffen sogar "politische
Ergebnisse erzwingen". Die neue Sicherheitsstrategie soll das Thema
Cyber-Security endlich entsprechend würdigen. Die Zeit drängt. Der
Schutz vor digitalen Angriffen ist ungleich wichtiger als die
politischen Ränkespiele um die Frage, ob die Wehrpflicht bleibt oder
nicht.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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