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Die Presse am Sonntag - Leitartikel: "Biedermeier 2.0", von Rainer Nowak

Ausgabe vom 26.06.2011

Wien (OTS) - Was ist schlimmer? Dass Herrschaften, die genug Zeit
und Macht gehabt hätten, es selbst besser zu machen, den Protest über
Stillstand und Missstände formulieren? Oder dass die Jungen
schweigen?

Sebastian Kurz überrascht dieser Tage viele seiner Gesprächspartner.
Der 24-jährige Staatssekretär für Integration, der bei seiner
Bestellung vor wenigen Wochen wegen seines Alters und seiner Vorliebe
für Döblinger High-School-Mode belächelt und angegriffen worden ist,
ist inhaltlich gut vorbereitet, hört höflich zu, spricht selten, ohne
vorher nachgedacht zu haben, und wirkt professionell. Das liegt vor
allem daran, dass er und seine Berater alles unternehmen, um Fehler
zu vermeiden. Auch wenn jeder weiß, dass auch er irgendwann patzen
wird. Laura Rudas erging es vor ein paar Jahren nicht viel anders.
Zur selben Zeit in derselben Stadt zog Hannes Androsch einmal mehr
mit großväterlichem Zorn von Pressekonferenz zu Pressekonferenz, um
die Werbetrommel für sein anlaufendes Bildungsvolksbegehren zu
rühren. In der Sache hat er recht und kaum einer würde ihm
widersprechen: An den Schulen und Unis herrscht ein ähnlicher
Stillstand, wie er auch die gesamte Republik kennzeichnet. Es fehlt
an Geld, Ideen und allgemeiner Aufbruchstimmung. Unterstützt wird
Androsch auch dank seines eng geknüpften Old-Boys-Network von vielen
Größen der Republik wie dem Präsidenten der mächtigen
Industriellenvereinigung, Veit Sorger.
Androsch und Sorger sind nicht die einzigen weisen Herren, die sich
in den vergangenen Wochen und Monaten sorgenvoll bis wütend an die
Öffentlichkeit gewandt haben: Claus Raidl, im Umfeld der ÖVP
einflussreicher, erfahrener und wohl auch politisch intelligenter als
die meisten im Kern der Partei, wird etwa nicht müde, für eine echte
Staatsreform zu werben.
Auch wenn längst alle politischen Beobachter die Hoffnung auf die
notwendige Umsetzung schon aufgegeben haben. Und dann war da noch der
ewige ORF-General des Landes: Gerd Bacher geißelte seinen
Amts-Urururenkel Alexander Wrabetz und das politische System in
dieser Zeitung mit scharfen, klaren Worten.
Alle genannten Herren - und es sind noch mehr - eint eins: Sie hatten
alle Zeit und vor allem Macht der Welt, oder wohl besser: des Landes,
um es besser zu machen. Androsch war Finanzminister und blieb danach
- mit Höhen und Tiefen - einer der einflussreichsten Persönlichkeiten
der SPÖ und des gesamten Landes. Böhler-Uddeholm-Chef Raidl war einer
der wichtigsten Konzernchefs, sein Rat war und ist allen ÖVP-Chefs
teuer. Und Gerd Bacher war dreimal Chef des ORF, seinen Einfluss und
seine Mentorenrolle spüren bis heute nicht wenige in der Branche.
Was also hat die - zu Recht - zornigen Senioren abgehalten, das
System zeitgerecht zu ändern und zu reformieren? Negative
Entwicklungen, die es in Österreich zweifelsohne gibt, passieren
nicht von heute auf morgen: Sie waren absehbar, egal, ob es sich um
die Staatsschuld, von Lehrergewerkschaften und Parteiideologen
blockierte Bildungsstätten oder den Parteizentralen-Rundfunk handelt.
Warum fasziniert uns 2011 die gut ausgeleuchtete und besetzte Loge
der Muppet Show wie nie zuvor? (Das ist übrigens kein rein
österreichisches Phänomen, sondern auch in anderen Ländern zu
beobachten.)
Ganz einfach: Weil die Jungen völlig auslassen. Weil sich keiner den
Revoluzzer-Job antut. Weil kaum ein unter 30-Jähriger Lust und Laune
hat, sich politisch zu engagieren und auf die Barrikaden - zu
steigen. Der Unmut ist zwar vorhanden, aber kanalisiert wird er
höchstens privat, auf Facebook oder mittels Proteststimme bei der
Wahl.
Das originelle Studentenprojekt der Jungen Liberalen, die von den
Unis aus auch gegen das Pensions- und Steuersystem kämpfen, und die
langsam schon grau werdenden Globalisierungsgegner sind rare
Ausnahmen.
Sebastian Kurz und Laura Rudas begannen hingegen den Marsch durch die
Institutionen, um vielleicht irgendwann Visionen umsetzen zu können,
die sie nie hatten. Aber auch die Sekretäre machen mehr als die
Mehrheit, die im digitalen Biedermeier lebt. Und die sich von
Heinz-Christian Strache in Geiselhaft nehmen lassen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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