- 24.06.2011, 09:00:31
- /
- OTS0022 OTW0022
Arbeitsmarkt widerstand der Krise überraschend gut
Spitzenposition für Deutschland, Österreich und die Niederlande - Ergebnis einer Tagung der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute bei der OECD
Wien (OTS/WIFO) - Die Beschäftigungssituation entwickelte sich in
der Wirtschaftskrise 2008/09 international sehr unterschiedlich,
teilweise parallel zur Tiefe der Krise, aber auch mit deutlichem
Einfluss der Ausgangssituation und der Wirtschaftspolitik in der
Krise. Generell reagierte der Arbeitsmarkt in der Krise weniger
heftig als aufgrund des Rückganges der Wirtschaftsleistung zu
befürchten war. Die Beschäftigung steigt in den meisten Ländern, die
Arbeitslosenquote geht zurück, liegt jedoch mit Ausnahme von
Deutschland über dem Vorkrisenniveau. Die Arbeitslosigkeit der
jüngeren Bevölkerungsgruppe steigt überdurchschnittlich, die der
älteren unterdurchschnittlich.
Das jährliche Treffen der Wirtschaftsforschungsinstitute in Paris
beschäftigte sich mit der Reaktion des Arbeitsmarktes in der
Wirtschaftskrise und der Entwicklung in der derzeitigen
Erholungsphase. Neben den europäischen Spitzeninstituten nahmen
Vertreter aus den USA, aus Brasilien, Mexiko, Neuseeland, Australien,
Japan und Kanada teil. Das WIFO präsentierte auf der Konferenz eine
Analyse der nach Ländern unterschiedlichen Reaktion des
Arbeitsmarktes in der Krise. Ein dafür neu entwickelter Indikator der
Arbeitsmarktentwicklung erfasst Trends von Beschäftigung und
Arbeitslosigkeit sowie der Erwerbsquote. Die Analyse umfasst 29
Industrieländer einschließlich Mexikos und der Türkei für die
Krisenjahre 2008/2010.
Nach diesem Indikator gehört Österreich gemeinsam mit Polen,
Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden zu den Top-5-Ländern
(und zwar auf Rang 4). Die Arbeitslosenquote stieg 2009 um nur 1
Prozentpunkt auf 4,8% und geht seit 2010 wieder zurück. Die
Beschäftigung übertrifft bereits wieder das Vorkrisenniveau, ebenso
die Erwerbsquote. Die gute Position Polens und der Schweiz ist nicht
überraschend: Polen verzeichnete als einziges EU-Land auch in der
Wirtschaftskrise einen Anstieg, die Schweiz einen nur geringen
Rückgang der Wirtschaftsleistung. Besonders auffallend ist die gute
Entwicklung in Deutschland, da hier der Produktionsrückgang
überdurchschnittlich war; auch in den Niederlanden und in Österreich
reagierte der Arbeitsmarkt schwächer, als der Produktionsrückgang
erwarten hätte lassen.
Die schärfste Arbeitsmarktreaktion zeigt der Indikator für Irland,
Island, Spanien, Portugal und für die USA (diese liegen in Bezug auf
die Dynamik des Arbeitsmarktes an 26. Stelle unter 29 Ländern, obwohl
der Rückgang der Wirtschaftsleistung unterdurchschnittlich war).
Während die Entwicklung in Irland und Island mit dem Krisenverlauf
übereinstimmt, war der Einbruch der Wirtschaftsleistung in Spanien
und Portugal im Krisenjahr selbst relativ gering, allerdings stockt
die Erholung wegen der notwendigen Konsolidierung der öffentlichen
Haushalte. In den USA fiel die Arbeitsmarktreaktion wesentlich
heftiger aus als jene der Wirtschaftsleistung: Die Arbeitslosenquote
beträgt auch 2011 nach der jüngsten WIFO-Prognose noch 9%, nachdem
sie vor der Krise unter 5% gelegen war. Die Beschäftigung wächst in
den USA in der Erholungsphase viel schwächer als in früheren
Erholungsphasen. Stärker als die Wirtschaftsleistung reagierte der
Arbeitsmarkt auf die Krise auch in Australien und Korea.
Übersicht 1: Die Reaktion des Arbeitsmarktes in der Krise und der
Erholungsphase - auf der WIFO-Website (
http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12 )
Die Unterschiede der Arbeitsmarktreaktion werden in hohem Maß
durch die Bedingungen vor dem Eintritt der Rezession erklärt. In
Ländern mit besserer Außenhandelsposition vor der Krise fiel die
Reaktion des Arbeitsmarktes milder aus, in Ländern mit
überdurchschnittlichem Kreditwachstum ungünstiger. Budgetsaldo oder
Höhe der Staatsschuld liefern keinen Erklärungsbeitrag, ebenso nicht
die Landesgröße, das Pro-Kopf-Einkommen oder der Industrieanteil am
BIP. Von den länderspezifischen Charakteristika des Arbeitsmarktes
hatten einerseits Regulierungen, andererseits auch Elemente der
Flexibilität wie Teilzeitbeschäftigung, Ausgaben für Training und
Weiterbildung positiven Einfluss auf die Entwicklung. Besonders
wichtig war auch die Dynamik des Arbeitsmarktes vor der Krise: In
jenen Ländern, in denen die Arbeitslosigkeit 2007 gesunken war, wurde
versucht, verstärkt Beschäftigung zu halten, vermutlich weil die
Unternehmen den dauerhaften Verlust von qualifizierten Arbeitskräften
vermeiden wollten.
Der Vergleich der Arbeitsmarktentwicklung relativ zur
Wirtschaftsdynamik deutet auf den Erfolg von angepassten
Doppelstrategien hin. Stark negative Reaktionen des Arbeitsmarktes
auf die Wirtschaftskrise blieben aus, wenn einerseits eine
angemessene Regulierung der Märkte vorlag und andererseits in der
Krise eine maßgeschneiderte Anpassungsstrategie die unmittelbare
Krisenwirkung abfederte. Beispiele dafür waren z. B.
Kurzarbeitsregelungen und Arbeitszeitkonten, oft auf betrieblicher
Ebene verhandelt, aber mit staatlicher Unterstützung kombiniert.
Die Befürchtung, dass die Abfederung der Arbeitsmarktreaktion auf
die Wirtschaftskrise ("Arbeitskräftehortung") den Wiederanstieg der
Beschäftigung verlangsamen würde, erwies sich nicht als zutreffend:
In den Ländern mit der relativ zur Produktion besten
Arbeitsmarktentwicklung nahm die Beschäftigung 2011 stärker zu und
die Arbeitslosigkeit deutlicher ab, während die Erholung in den
Ländern mit der stärksten Reaktion des Arbeitsmarktes auch in der
Erholung von Beschäftigung und Produktion zurückbleibt. Dies könnte
darauf zurückgehen, dass die Abfederung der Arbeitsmarktreaktion
durch die Wirtschaftspolitik die Unsicherheit von Unternehmen und
privaten Haushalten verringerte, sodass diese rascher auf
Erholungssignale reagieren.
Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem folgenden WIFO Working
Paper: Karl Aiginger, Gerard Thomas Horvath, Helmut Mahringer, Why
Labour Market Performance Differed Across Countries. The Impact of
Institutions and Labour Market Policy ( 397/2011, Download kostenlos,
http://www.wifo.ac.at/wwa/pubid/42053 ).
Rückfragehinweis:
Prof. Mag. Dr. Karl Aiginger, Dr. Helmut Mahringer
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-210 bzw. 405 * Fax. +43 1 798 93 86 [email protected], [email protected]
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | WFO






