• 23.06.2011, 17:41:16
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"Die Presse" Leitartikel: Afghanistan: Es droht ein Horrorszenario à la Vietnam, von Burkhard Bischof

Ausgabe vom 24.06.2011

Wien (OTS) - Die Entscheidung von US-Präsident Barack Obama, erste
Teile des Afghanistan-Kontingents nach Hause zu beordern, ist innen-
und wirtschaftspolitisch diktiert.

Wie - fast - immer, war es der kluge, aber Washington-müde und
deshalb leider aus dem Amt scheidende amerikanische
Verteidigungsminister Robert Gates, der die Entscheidung seines
Präsidenten in den richtigen Kontext stellte: "Es gibt Besorgnisse im
amerikanischen Volk, das nach einer Dekade des Krieges müde ist. Der
Präsident muss diese Punkte offensichtlich genauso in seine
Überlegungen einbeziehen wie die Bedingungen auf dem Feld in
Afghanistan."
Amerika ist nicht nur kriegsmüde. Amerika ist auch wirtschaftlich
marode, finanziell klamm, politisch gespalten, gesellschaftlich
nervös. Die Arbeitslosigkeit beträgt neun Prozent. USA-Reisende
berichten dieser Tage, dass sicht- und spürbar sei, dass es dem Land
nicht besonders gut gehe. Gleichzeitig gibt Washington jedes Jahr
mehr als 110 Milliarden Dollar für das militärische Engagement allein
in Afghanistan aus.
Kein Wunder, dass Präsident Barack Obama jetzt auf die Bremse tritt
und angekündigt hat, in einem ersten Schritt bis Sommer 2012 33.000
Soldaten aus Afghanistan heimzuholen; es stehen dann immer noch
70.000 US-Soldaten am Hindukusch. Diese Entscheidung ist innen- und
wirtschaftspolitisch diktiert, nicht militärisch. Klar, wenn es nach
so manchen Planern und Entscheidungsträgern im Pentagon ginge, würden
keine Soldaten von dort geholt, sondern zusätzlich welche
hingeschickt. Entsprechend unzufrieden sind sie auch mit dem
Teilabzugsplan des Präsidenten.
Klar ist auch, dass Obama von den noch von seinem Vorgänger George W.
Bush formulierten Zielen, in Afghanistan mit westlicher Hilfe ein
demokratisches und rechtsstaatliches Musterland in Südwestasien
aufzubauen, völlig abgerückt ist. "Wir werden nicht versuchen, aus
Afghanistan einen perfekten Ort zu machen", sagte der Präsident in
seiner Fernsehrede am Mittwoch.
Der eigentliche Zweck, warum Bush im Herbst 2001 nach den
verheerenden Terroranschlägen vom 11. September in New York und
Washington amerikanische Truppen nach Afghanistan geschickt hat,
rückt wieder in den Mittelpunkt des US-Engagements: nämlich, um zu
verhindern, dass das Terrornetzwerk al-Qaida Afghanistan als Basis
zur Planung seiner Anschläge und als Ausbildungsstätte und
Rückzugsgebiet für seine Aktivisten benutzen kann. Dass es Obama
Anfang Mai gelungen ist, al-Qaida-Chef Osama bin Laden zu töten, hat
dabei zusätzlichen öffentlichen Druck geschaffen, das
Afghanistan-Abenteuer jetzt allmählich abzuschließen.
Aber so schwere Schläge der al-Qaida von den Amerikanern in den
letzten Jahren zugefügt wurden: Die Taliban in Afghanistan sind
weiterhin da - und sie sind so stark und gefährlich wie noch nie seit
der westlichen Militärintervention vor bald zehn Jahren. Das
optimistische Szenario, auf das Obama hofft, ist wohl, dass sich mit
den Taliban in nächster Zeit in irgendeiner Form ein Arrangement
treffen lässt. Präsident Hamid Karzai hat ohnedies schon seine Fühler
ausgestreckt, verhandelt hinter den Kulissen mit den
"Gotteskriegern".

Das wahrscheinlichere Szenario nach einem Abzug der westlichen
Truppen ist freilich ein Horrorszenario à la Vietnam. Die von der
Nato aufgebauten afghanischen Sicherheitskräfte halten dem Ansturm
der Taliban nicht stand. Es kommt zu einem entsetzlichen Blutbad -
und am Ende baumelt Karzai wie einst Nadjibullah an einer Kabuler
Straßenlaterne. Damals, Anfang der Neunzigerjahre, wollte niemand
mehr außer ein paar wenigen Nachbarstaaten wissen, was im Inneren
Afghanistans vor sich geht. Ergebnis war dann, dass die al-Qaida eine
Terrorbasis aufbauen konnte, von der aus New York und Washington
angegriffen wurden.
Wird sich die Geschichte am Hindukusch wiederholen? Das hängt vor
allem von den Afghanen selbst ab. Wie kriegsmüde sind eigentlich sie,
um alles zu unternehmen, dass der sei 1979 anhaltende Kreislauf der
Gewalt in ihrem Land endlich gestoppt wird? Es kann doch kein Volk
geben, das dazu verdammt ist, permanent in Not, Elend, Gewalt und
Unterdrückung zu vegetieren. Der Westen, so viel ist nach Obamas Rede
auch klar, kann den Afghanen da wenig helfen. Helfen müssen sie sich
selbst.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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