• 22.06.2011, 10:43:45
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KONSUMENT: Schlankheitsmittel Alli - zu leicht für alle zu kriegen

16 Wiener Apotheken im Test: Trotz Gegenanzeige wurde in 50 Prozent der Testkäufe an eine Minderjährige bzw. eine stillende Mutter verkauft

Wien (OTS/VKI) - Im Herbst 2008 beschloss die zuständige
EU-Behörde, das Schlankheitsmittel Xenical mit geringerer
Wirkstoffdosierung als rezeptfreies Medikament unter dem Namen Alli
zuzulassen. Der Vorteil für die Herstellerfirma: Das
Schlankheitspräparat konnte ab diesem Zeitpunkt direkt bei den
Patienten beworben werden - was auch intensiv geschah. Bedenken von
europäischen Verbraucherschützern, Jugendliche oder Patienten mit
Essstörungen könnten das Präparat missbräuchlich verwenden, wurden
von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) beiseite geschoben.
Das Argument: Alli habe kein Missbrauchspotenzial und sei
apothekenpflichtig, die Apotheker würden für die zulässige Abgabe
Sorge tragen.

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) hat dieses Argument
auf seine Stichhaltigkeit überprüft: Zwei Testpersonen - eine
schlanke Minderjährige und eine stillende Mutter - an die das
Schlankheitsmittel Alli nicht abgegeben werden dürfte, suchten 16
Wiener Apotheken auf. "Das Testurteil bestätigt unsere Vorbehalte:
Zwölf von 16 Apotheken üben die von der Europäischen
Arzneimittelaufsicht (EMA) vorgesehene Kontrollfunktion nur bedingt
oder gar nicht aus", kritisiert Ing. Franz Floss, Geschäftsführer des
Vereins für Konsumenteninformation (VKI). "Dabei weist das
Schlankheitsmittel - abgesehen von der Missbrauchsgefahr - nicht
unbeträchtliche Nebenwirkungen, wie Durchfall oder ,Fettstuhl' auf."

Sehr gute Resultate erzielten die Gasometer-, Nordrand-,
Sandleiten- und St. Anna Apotheke. Sie verweigerten die Abgabe von
Alli. Mit "nicht zufriedenstellend" bewertet wurden hingegen folgende
Apotheken, die beiden Testpersonen das Schlankheitsmittel
aushändigten: Apotheke zum "Grünen Kreuz", Gersthofer Apotheke,
Heilborn-Apotheke und Krim-Apotheke.

Was ist Alli?

In Alli steckt der Wirkstoff Orlistat, der in Österreich bereits
seit 1999 unter der Bezeichnung Xenical als rezeptpflichtiges
Medikament auf dem Markt ist. Orlistat wirkt hemmend auf die
Fettverdauung. Etwa ein Viertel der mit der Nahrung aufgenommenen
Fette wird unverdaut wieder ausgeschieden. Der Unterschied zwischen
Xenical und Alli besteht in der Dosierung des Wirkstoffs. Eine Kapsel
Xenical enthält 120 Milligramm Orlistat, Alli nur die Hälfte.
Hintergrund ist, dass der Pharmakonzern GlaxoSmithKline Alli als
rezeptfreie Variante auf den Markt bringen wollte, was die
zuständigen EU-Behörden im Herbst 2008 auch genehmigten. Anders als
bei Xenical ist es damit erlaubt, das Medikament direkt bei den
Konsumenten zu bewerben.

Zulässig ist die Abgabe von Alli nur für übergewichtige Erwachsene
mit einem Body-Mass-Index von mehr als 28 (z.B. ab 165 cm Größe bei
81 kg) sowie mit der Empfehlung für eine fettreduzierte Ernährung. An
Kinder und Jugendliche sowie an schwangere und stillende Frauen darf
Alli nicht abgegeben werden, da die Wirkung des Medikamentes für
diese Zielgruppe nicht getestet wurde. Mögliche Nebenwirkungen sind
hier daher nicht vorhersehbar.

Was bewirkt Alli?

Grundsätzlich "positiv" an Alli ist: Es wirkt. Und zwar
hauptsächlich, weil gute Empfehlungen für ein Bewegungs- und
Ernährungsprogramm mitgegeben werden. Die Wirkung von Alli ist
allerdings minimal. Hält man sich an die Ernährungsregeln, ermöglicht
Alli lediglich die Abnahme von 60 bis 80 Gramm pro Woche mehr, als
wenn man sich an der vom Hersteller empfohlenen Diät orientieren
würde. Damit verbunden sind aber mögliche Nebenwirkungen - unter
anderem die Gefahr von Durchfall oder eines "Fettstuhles". Weiters
ist problematisch, dass fettlöslichen Vitamine, wie etwa A, D, E und
K ebenso mit dem gebundenen Fett ausgeschieden werden und so nicht
mehr dem Körper zur Verfügung stehen. Zudem kann durch die Einnahme
von Alli die Wirksamkeit der Pille beeinträchtigt werden. Nur in
einer von zehn Apotheken, in denen Alli an die minderjährige
Testperson verkauft wurde, wurde diese gefragt, ob sie mit der Pille
verhütet.

Nicht zuletzt birgt Alli die Gefahr von Missbrauch: Zwei Tabletten
statt einer reichen aus, um das Niveau von Xenical zu erreichen. So
warnt auch der Europäische Verbraucherverband BEUC, dass Jugendliche
oder Personen mit Essstörungen das als Lifestyle-Produkt inszenierte
Alli missbräuchlich verwenden könnten und als "Einstiegsdroge" in den
Schlankheitswahn nutzen. Dass derartige Befürchtungen nicht aus der
Luft gegriffen sind, zeigt eine zusätzliche Umfrage des VKI unter 55
österreichischen Essstörungszentren, die jährlich rund 900
Minderjährige betreuen: 45 Prozent der Patienten verwenden demnach
Medikamente bzw. Abnehmprodukte missbräuchlich, 15 Prozent davon
Alli.

Alli: Keine Option für Normalgewichtige

VKI-Gesundheitsexpertin Dr. Bärbel Klepp: "Alli ist mit Sicherheit
keine Option für Normalgewichtige und schon gar nicht für stillende
Mütter oder Minderjährige. Eine sinnvolle Gewichtsreduktion lässt
sich nur durch verminderte Energieaufnahme und Bewegung erzielen. Die
Einnahme von Schlankheitsmitteln ist auf Dauer kein Weg zur
Gewichtsabnahme. Denn: Es gibt einfach keine Abnehm-Wunderpillen.
Derartige Mittel haben immer auch Nebenwirkungen und dürfen zudem
nur über einen begrenzten Zeitraum angewendet werden. Auch Alli ist
keine längerfristige ,Lösung', da es nur für die Dauer eines halben
Jahres angewendet werden darf."

Sämtliche Informationen zum Test gibt es ab dem 24.6. im
Juli-Konsument und auf www.konsument.at.

Rückfragehinweis:
Verein für Konsumenteninformation/Testmagazin "Konsument"
Mag. Andrea Morawetz, Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 01/588 77 - 256
mailto:[email protected]
www.konsument.at

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