- 13.06.2011, 18:17:12
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"Die Presse" - Leitartikel: Die Angst der Regierung vor der Uni-Reform, von Christoph Schwarz
Ausgabe vom 14.06.2011
Wien (OTS) - Die deutsche Regierung zeigt vor, wie die Steuerung
eines modernen Hochschulsystems funktionieren könnte. In Österreich
fehlt dafür der Weitblick.
Es ist ein Betrag, von dem die österreichischen Universitäten nur
träumen können: Drei Milliarden Euro zusätzlich investiert die
deutsche Bundesregierung unter Angela Merkel in den kommenden vier
Jahren in die - freilich deutlich größere - deutsche
Hochschullandschaft. Es ist auch nicht die Summe, sondern in erster
Linie die Vorgehensweise, mit der die Kanzlerin beweist, wie die
Steuerung eines modernen Uni-Systems funktionieren kann.
Als feststand, dass die laufende Reform des Gymnasiums (Deutschland
verkürzte die Dauer von neun auf acht Jahre) zu doppelten
Abiturientenjahrgängen und damit zum punktuellen Ansturm auf die Unis
führen werde, hat man reagiert. Im Jahr 2007 schlossen Bund und
Länder einen Hochschulpakt, der zur Finanzierung des gestiegenen
Lehraufwandes beitragen soll. Allein der Bund zahlt 3,2 Milliarden
Euro. Die nunmehr beschlossene Aufstockung um weitere drei Milliarden
Euro (die sich Bund und Länder teilen) soll die Aussetzung der
Wehrpflicht - bis zu 54.000 Jugendliche drängen so vorzeitig an die
Unis - abfedern.
Ihre Grundsätze hat die deutsche Regierung dabei nicht über Bord
geworfen: Der Numerus clausus (der festlegt, welchen Notenschnitt man
im Abitur braucht, um ein Studium beginnen zu dürfen) wurde nicht
abgeschafft. Auch beim Ausbau der Studienplätze handelte man nach
politischen Prämissen. Aufgestockt wurde primär in den von der
Wirtschaft stärker nachgefragten mathematisch-technischen
Studienrichtungen.
In Österreich funktioniert die Hochschulpolitik genau umgekehrt: Man
handelt nicht - und leistet sich gleich gar keine Grundsätze. Für
eigene Reformen im Bildungsbereich, die diesen Namen auch verdienen,
fehlt ohnehin der Mut. Oder traut irgendjemand SPÖ und ÖVP eine
Gymnasialreform zu? Anstehenden Entwicklungen blickt die Koalition
gern mit abwartender Hilflosigkeit entgegen. Das zeigt nicht zuletzt
der ignorante Umgang mit dem Andrang deutscher Studenten, der schon
jetzt in grenznahen Unis in Salzburg und Innsbruck zu
Kapazitätsproblemen führt. (Dem neuen Wissenschaftsminister Karlheinz
Töchterle, vormals Rektor der Uni Innsbruck, sollte das Problem
übrigens bekannt sein.) Allein Bayern, wo die Reform im Herbst
schlagend wird, rechnet mit bis zu 44.000 zusätzlichen
Erstsemestrigen. Wie heimische Unis damit umgehen sollen, konnte bis
heute niemand erklären. Abgesehen von Publizistik, Psychologie und
Medizin, bei denen die Platzzahl begrenzt ist, fehlt es an sinnvollen
Zugangsbeschränkungen. (Und nein, dass sich Erstsemestrige, wie
beschlossen, künftig online "voranmelden" müssen, geht nicht als
sinnvoller Steuermechanismus durch.) Dass angesichts der steigenden
Studentenzahlen sogar ein Uni-Rektor die Regierung klagt, nimmt man
da stillschweigend in Kauf.
Besserung ist nicht in Sicht. Nicht nur die Studienplatzfinanzierung,
mit der die Regierung endlich festlegen könnte, welche Absolventen
welcher Studienrichtungen sie eigentlich finanzieren will, ist nach
Beatrix Karls Abgang aus dem Wissenschaftsministerium in irgendeiner
tiefen Lade verschwunden. Mit ihrer Passivität setzt die Koalition
auch die geordneten Verhältnisse im Medizinstudium aufs Spiel.
Seit Jahren ist bekannt, dass die Quotenregelung, die 75 Prozent der
Plätze für Inländer und nur 20 Prozent für andere EU-Bürger
(vorwiegend Deutsche) reserviert, von der EU-Kommission als
gleichheitswidrig kritisiert wird und bald schon eine Klage nach sich
ziehen wird. Die österreichische Reaktion passt ins Bild: Statt
Lösungen zu erarbeiten, hat man sich darauf verlegt, leicht
weinerlich um eine Verlängerung des bis 2012 gültigen Moratoriums zu
bitten. (Dass nun auch die Ärztebedarfsstudie, mit der die Regierung
einen Ärztemangel beweisen und die Quote dauerhaft sachlich
rechtfertigen will, nicht termingerecht fertig werden dürfte,
überrascht da nicht.)
Will die Regierung den Kollaps des Hochschulsystems abwenden, muss
sie rasch handeln - und sich überlegen, wie man aus dem deutschen
Zustrom (Stichwort Ausgleichszahlung) finanzielle Vorteile schlagen
oder aber die deutschen Studenten nach ihrer Ausbildung als
Arbeitskräfte im Land halten kann. Eines jedenfalls ist klar: An der
Mär des freien und offenen Uni-Zugangs festzuhalten, ist zu wenig.
Rückfragehinweis:
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