• 06.06.2011, 18:16:41
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Die Presse - Leitartikel: "Der kopflose Umgang mit dem ORF muss jetzt ein Ende haben", von Anna-Maria Wallner

Ausgabe vom 07.06.2011

Wien (OTS) - Gerhard Zeilers Worte zur heimischen ORF-Politik
werden der SPÖ noch lange wehtun. Sie lenkt lieber vom Thema ab. Und
die ÖVP sucht den Gegen-Wrabetz.

Gerhard Zeiler wird nicht der nächste Generaldirektor des ORF sein.
Aber er hat das fast Unmögliche möglich gemacht: Für die kurze Zeit
eines Wochenendes waren der ORF und die Bestellung eines neuen
Generaldirektors sogar wieder für jene interessant, denen dieses
Thema sonst bestenfalls ein Gähnen abringt. Wenn sich einer der
erfolgreichsten TV-Manager Europas für den Posten des ORF-Chefs
interessiert und die verantwortlichen Politiker demonstrativ einen
anderen, nämlich den bisherigen Erfüllungsgehilfen nehmen, den sie
vor einiger Zeit noch loswerden wollten, dann begreift sogar der
oberflächliche Beobachter aus der Ferne, dass die Politik in Sachen
ORF seltsam kopflos agiert.
Gerhard Zeiler, gebürtiger Österreicher, bekennender Sozialdemokrat
und mächtiger Chef des deutschen Privatfernsehtankers RTL, hat im
aktuellen "Profil" der österreichischen Politik und im Speziellen der
SPÖ, den Kopf gewaschen. Er werde den Job des ORF-Generaldirektors
nicht machen, obwohl ihn dieser durchaus gereizt hätte. Er habe
erkannt, dass die Politik nicht den Besten für diesen Job suche,
sondern einen, der "willfährig parteipolitische Personalwünsche
umsetzt". Die Ohrfeige war auch gegen den amtierenden Generaldirektor
Alexander Wrabetz gerichtet.
Zeilers überraschend laute und unösterreichisch direkte Absage wirkt
auf Beobachter wie eine Wohltat. Endlich sagt einer, was sich viele
seit Jahren denken. Und wie reagiert die Politik? Die
Verantwortlichen in der SPÖ beruhigen sich und ihre ohnehin nicht
übermäßig in Aufregung geratenen Gemüter so: Sie reden sich ein, dass
Zeilers harte Worte nur seiner Frustration zuzurechnen sind. Es sei
doch verständlich, dass einer, der nicht bekommt, was er will, so
reagiert, sagen viele hinter vorgehaltener Hand. Wie unangenehm der
SPÖ Zeilers Standpauke aber tatsächlich ist, zeigt die Reaktion von
Werner Faymann: Dass der Kanzler dem "Krone"-Innenpolitiker Peter
Gnam Pläne einer Volksbefragung zur Wehrpflicht ins Montagsblatt
diktiert hat, sieht aus wie ein Ablenkungsmanöver.
Aber Faymann verkennt vielleicht, dass ihm und seiner Partei die
"Bußpredigt" Zeilers (Copyright Publikums- und Stiftungsrat Franz
Küberl) noch lange und immer wieder sauer aufstoßen wird.
Zeiler hat gezeigt, dass er konfliktfreudig und wohl auch ein
bisschen schadenfroh ist. Denn er hat genüsslich Aussagen gestreut,
die nun hinter ihm wie Zündhölzer im Stroh eine Debatte entfachen,
die noch sehr lange Brandwirkung haben wird. Vor allem aber hat er,
obwohl selbst Sozialdemokrat, der SPÖ geschadet. Die politischen
Gegner werden seine Sätze künftig bei jeder Gelegenheit aus dem
Archiv kramen.

Apropos Gegner: Die ÖVP wusste nach der Lektüre des Zeiler-Interviews
zunächst nicht, ob sie sich freuen oder eher grämen soll. Freuen über
dessen wahre Worte zur österreichischen ORF-Politik (die vor einigen
Jahren genauso auf sie selbst zugetroffen hätten)? Grämen, dass just
jener Kandidat, der zwar nicht ihr ureigener war, aber doch ihr
Favorit wurde, frühzeitig abgesprungen ist? Es ist wohl von beidem
etwas dabei - und beflügelt durch Zeilers Kritik entwickelt die
Partei nun einen trotzigen Tatendrang. Es sieht so aus, als wolle
sich die Volkspartei nach einem eigenen Kandidaten umsehen, getreu
dem Motto "Jetzt erst recht". Namen werden ohnehin schon seit Wochen
genannt. Viel ändern wird das aber nichts an der Tatsache, dass der
neue Generaldirektor der alte sein wird.
Eine Standpauke wie die von Zeiler hätte bei den Verantwortlichen in
einem privaten Unternehmen vielleicht einen Denkprozess ausgelöst -
oder den Willen zur Änderung struktureller Missstände. Nicht so beim
ORF. Auch wenn Fachleute in Europa und vor allem beim deutschen
Nachbarn längst über die österreichische Rundfunkpolitik lachen, auch
wenn der parteipolitisch gefärbte ORF Österreich bereits den Ruf
eines "Klein-Berlusconistan" eingebracht hat, reagieren die
Regierungsparteien wie immer: Die einen (SPÖ) stecken den Kopf in den
Sand, die anderen (ÖVP) stecken die Köpfe hektisch zusammen und
suchen nach einem Kandidaten. Dabei wäre jetzt die beste Zeit, diesen
kopflosen Umgang mit dem ORF zu überdenken.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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