• 01.06.2011, 10:16:45
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Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie: Lithium im Trinkwasser senkt die Suizidrate

Wien (OTS) - Eine von der MedUni Wien durchgeführte und soeben
veröffentlichte Studie zeigt, dass im Trinkwasser natürlich
enthaltenes Lithium die Suizidrate deutlich senkt. Den ForscherInnen
der MedUni Wien gelang damit erstmals der wissenschaftlich
zuverlässige Nachweis dieser positiven Wirkung auf die menschliche
Psyche.

Im Jahr 2009 sorgte eine japanische Studie weltweit für großes
mediales Aufsehen: Im Trinkwasser enthaltenes, natürliches Lithium
würde das Risiko eines Suizids senken. Wegen methodischer Mängel
wurden die Ergebnisse der Studie jedoch rasch in Zweifel gezogen. Dr.
Nestor Kapusta von der Universitätsklinik für Psychoanalyse und
Psychotherapie der MedUni Wien konnte nun gemeinsam mit seinem
ForscherInnen-Team die damals formulierte Vermutung erstmals auch
wissenschaftlich zuverlässig belegen.

Großangelegte, österreichweite Untersuchung

Die kürzlich durchgeführte und soeben veröffentlichte Studie
untersuchte die Situation in Österreich. Dazu wurden die Lithiumwerte
von 6460 Trinkwasserproben aus ganz Österreich mit den Suizidraten
der jeweiligen Bezirke (99) verglichen. Dabei fand sich ein
signifikanter Zusammenhang: Je höher der Lithiumwert im Trinkwasser
ist, desto niedriger ist die Suizidrate. Diese Korrelation bleibt
auch dann signifikant, wenn sozioökonomische Faktoren wie Einkommen
oder psychosoziale Versorgung - die die Suizidrate bekanntermaßen
beeinflussen - berücksichtigt werden. Der Schluss der
WissenschafterInnen: Lithium im Trinkwasser scheint neben anderen
Ursachen ein möglicher eigenständiger Einflussfaktor zu sein.

Positive Wirkung in kleinsten Mengen - Ursache noch unbekannt

Im Kern konnte die Studie der MedUni Wien damit die Ergebnisse der
japanischen Studie bestätigen. Dass Lithium positiv auf die
menschliche Psyche wirkt, ist seit Jahrzehnten bekannt. Bei keiner
anderen Substanz ist die Evidenz für suizidprotektive Wirkung so gut
belegt wie bei Lithium. "Das Faszinierende und Neue an unseren
Ergebnissen ist aber, dass Lithium bereits in natürlichen Mengen als
Spurenelement messbare Effekte auf die Gesundheit haben könnte," so
Kapusta. "Die Dosierung in der Therapie ist rund 100 Mal höher als
das natürliche Vorkommen im Trinkwasser. Es ist somit noch vollkommen
unklar, wie natürliches Lithium im Trinkwasser eine solch starke
physiologische Wirkung entfaltet, obwohl es sozusagen 100-fach
schwächer dosiert ist. Wie dieser Mechanismus funktioniert, ist für
uns WissenschafterInnen eine neue, spannende Frage."

Warnung vor künstlicher Beimengung ins Trinkwasser

Bei der Diskussion der japanischen Studie 2009 wurde sehr rasch
die Frage gestellt, ob Trinkwasser mit Lithium angereichert werden
soll, um auf diese Weise Suizide zu verhindern. Lithium könnte
ähnlich wie Fluor zu Wasser (Prävention von Knochenerkrankungen) oder
Jod zu Salz (Prävention von Schilddrüsenerkrankungen) hinzugefügt
werden, so das damals oft gehörte Argument. Die AutorInnen der
österreichischen Studie distanzieren sich ausdrücklich von solchen
Überlegungen und warnen vor voreiligen Schlüssen. Weshalb, erklärt
Kapusta: "Es bedarf klinischer Studien und methodisch aufwendiger
Kohortenstudien, um eine derartige Empfehlung auszusprechen. Zum
Beispiel ist die Frage möglicher Nebenwirkungen ungeklärt. Eine
aktuelle Studie zeigt etwa eine geringfügige Erhöhung der
Schilddrüsenwerte bei Menschen, die in Regionen leben in denen
Lithium im Trinkwasser zu höheren Blutspiegeln führt. Höhere
Lithiumwerte könnten sich somit zwar positiv auf die Stimmung
auswirken, aber gleichzeitig andere, negative Effekte haben. Unsere
Ergebnisse werden deshalb bestimmt zu zahlreichen weiteren
Untersuchungen anregen."

Lithium kein Wundermittel

Die ForscherInnen der MedUni Wien betonen außerdem, dass Lithium
weder ein Allheilmittel ist, noch ein solches sein kann. Dazu
Kapusta: "Für eine effektive Suizidprävention gilt es nach wie vor
ein Bündel von Maßnahmen einzusetzen. Für einen Menschen mit
Suizidabsichten muss an erster Stelle eine verfügbare Ansprechperson,
Arzt oder Psychotherapeut stehen. Das Spektrum wirksamer
Präventionsmöglichkeiten reicht daher von der Verbesserung der
psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung, über die
allgemeine sorgfältige mediale Berichterstattung und Aufklärung der
Bevölkerung, bis hin zur Restriktion von Suizidmitteln wie zum
Beispiel durch gezielte Schusswaffengesetze oder Verkleinerung von
Packungsgrößen bestimmter Medikamente." Die soeben beginnende
politische Diskussion um die Etablierung des bestehenden
Suizidpräventionsplans Austria (SUPRA) ist eine Chance um bekanntes
wissenschaftliches Know-how endlich flächendeckend umzusetzen.

Hintergrund: Ein chemisches Element als Medikament

Lithium ist im therapeutischen Einsatz bei bestimmten psychischen
Erkrankungen seit rund 60 Jahren gut untersucht. Es eignet sich als
stimmungsstabilisierendes Medikament (Mood-Stabilizer) bei bipolaren
Erkrankungen (manisch-depressive Erkrankungen), da es die Gemütslage
stabilisiert und den Krankheitsschüben so die Spitzen nimmt. Ebenso
bekannt ist seine positive Wirkung bei Depressionen, wo es auch zur
Suizidprävention eingesetzt wird. Neuerdings werden protektive
Wirkungen gegen die Alzheimer-Erkrankung und andere neurodegenerative
und entzündliche Erkrankungen wie Multiple Sklerose erforscht. Obwohl
die therapeutische Wirkung von Lithium also gut dokumentiert ist,
weiß die internationale Wissenschaftsgemeinde noch relativ wenig
darüber, wie es eigentlich zu dieser Wirkung kommt. Derzeit wird zum
Beispiel untersucht, ob und wie Lithium Einfluss auf die das Wachstum
von neuen Gehirnzellen ausübt. Die Bedeutung von Lithium als
wichtiger Faktor in der Therapie und Prävention psychischer
Erkrankungen ist unumstritten. Das unterstreicht die Veröffentlichung
der aktuellen Lithium-Studie der MedUni Wien in der international
anerkannten Fachzeitschrift "The British Journal of Psychiatry".

Studie "Lithium im Trinkwasser" soeben erschienen in "BJPsych":
Lithium in drinking water and suicide mortality
Nestor D. Kapusta, Nilufar Mossaheb, Elmar Etzersdorfer, Gerald
Hlavin, Kenneth Thau, Matthäus Willeit, Nicole Praschak-Rieder,
Gernot Sonneck and Katharina Leithner-Dziubas
The British Journal of Psychiatry 2011 198: 346-350;
doi:10.1192/bjp.bp.110.091041

Beteiligte WissenschafterInnen:
Dr. Nestor Kapusta, Erstautor, Universitätsklinik für Psychoanalyse
und Psychotherapie, MedUni Wien
Univ. Prof. Dr. Gernot Sonneck, Studienleiter, Institut für
Medizinische Psychologie, MedUni Wien
Ass. Prof.in Priv. Doz.in Dr.in Katharina Leithner-Dziubas,
Studienleiterin, Universitätsklinik für Psychoanalyse und
Psychotherapie, MedUni Wien

Medizinische Universität Wien - Kurzprofil

Die Medizinische Universität Wien (kurz: MedUni Wien) ist eine der
traditionsreichsten medizinischen Ausbildungs- und Forschungsstätten
Europas. Mit fast 7.500 Studierenden ist sie heute die größte
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31 Universitätskliniken, 12 medizintheoretischen Zentren und
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Rückfragehinweis:

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   Medizinische Universität Wien
   Tel.: 01/ 40 160 11 501
   E-Mail: [email protected]
   www.meduniwien.ac.at
   
   Ing. Klaus Dietl
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