• 27.05.2011, 18:13:27
  • /
  • OTS0221 OTW0221

DER STANDARD-Kommentar "Symbolik allein ist zu wenig" von Alexandra Föderl-Schmid

"Die Handlungsschwäche der Europäer in Nordafrika verstärkt ihren Machtverlust" - Ausgabe 28.5.2011

wien (OTS) - Es ist ein symbolischer Akt: Die Staats- und
Regierungschefs der acht führenden Industrienationen (G-8) wollen für
Ägypten und Tunesien bis 2013 insgesamt 28 Milliarden Euro zur
Verfügung stellen. Die Bevölkerung in den beiden Staaten soll sich
aber nicht darauf verlassen, dass dieses Geld zur Unterstützung des
demokratischen Wandels tatsächlich ankommt. Denn die G-8 ist
großzügig bei finanziellen Versprechungen, aber zögerlich beim
Umsetzen. So wurden auf dem Gipfel 2005 unter dem Vorsitz des
britischen Premiers Tony Blair 50 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe
zugesagt. Tatsächlich gezahlt wurde etwas mehr als die Hälfte. Vor
allem Frankreich, Deutschland und Italien haben ihre Zusagen bei
weitem nicht eingehalten.

Das trägt dazu bei, dass die G-8 weiter an Glaubwürdigkeit verliert.
Die Zeiten, in denen die sieben führenden Wirtschaftsmächte alles
unter sich ausmachen konnten, sind ohnehin vorbei. 1998 kam Russland
dazu, zehn Jahre später durften auch die aufstrebenden
Schwellenländer mit am Tisch sitzen, die G-20 wurde gegründet. Das
war die richtige Entscheidung, denn die komplexen wirtschaftlichen
und ökologischen Fragen können ohnehin nicht mehr ohne China, Indien
oder Brasilien besprochen werden. Das zeigte sich auch am Klimagipfel
in Kopenhagen, wo US-Präsident Barack Obama mit den Schwellenländern
direkt verhandelte und die Europäer ausbremste.

Wenn es um tatsächlich geleistete Entwicklungshilfe geht, ist auf
diese aufstrebenden Länder mehr Verlass als auf die Europäer. So
haben die sieben führenden Industriestaaten im Vorjahr 88 Milliarden
für die internationale Armutsbekämpfung ausgegeben, aus den
Schwellenländern kamen nach Schätzungen der OECD bereits bis zu 60
Milliarden. Die G-20 bildet die politischen, ökonomischen und
kulturellen Realitäten des 21. Jahrhunderts viel besser ab als der
antiquierte G-8-Klub. Es ist an der Zeit, dieses Gremium offiziell
abzuschaffen.

Aufgrund ihres zunehmenden Gewichts auf der Weltbühne wollen sich
diese Staaten nicht mehr gefallen lassen, dass die Amerikaner und
Europäer die Besetzung der wichtigsten Posten in der internationalen
Finanzwelt unter sich aufteilen. Bisher galt: An die Spitze der
Weltbank kommt ein Amerikaner, den Internationalen Währungsfonds
führt ein Europäer. Zwar will die G-8 die Französin Christine Lagarde
als Nachfolgerin für IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, den
Schwellenländern wurde immerhin eine "Kompensation" versprochen.

Die Europäer müssen sich überhaupt fragen, welche Rolle sie künftig
noch spielen werden. Denn die Amerikaner wenden sich mehr und mehr
Ländern wie China oder Brasilien zu. Wenn Amerikaner "good old
Europe" sagen, dann schwingt häufig Nostalgie oder Bedauern mit.

Die Europäer haben auch versagt, was Unterstützung für Nordafrika
betrifft. Längst hätten sie den Bewohnern in diesen Staaten durch
praktische Wiederaufbauhilfe unter die Arme greifen sollen: durch die
Entsendung von zivilen Aufbauhelfern wie Richtern,
Tourismusspezialisten oder Verwaltungsreferenten - wie dies am Balkan
geschehen ist. Nur wenn bessere Lebensbedingungen vor Ort geschaffen
werden, wollen und können insbesondere junge Menschen, die die
Rebellion angeführt haben, in ihrer Heimat bleiben. Europa hat sich
bisher auf symbolische Gesten beschränkt.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel