- 26.05.2011, 09:00:36
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Niedrig verzinste Eurobonds stärken das Wachstum im Euro-Raum
Wien (OTS/WIFO) - Eine Stabilisierung der kurz- und langfristigen
Zinssätze im Euro-Raum auf einem Niveau von 1,5% bzw. 3,0% würde das
Wirtschaftswachstum im Euro-Raum bis 2015 kumuliert um 5,0
Prozentpunkte verstärken; die Arbeitslosenquote wäre daher merklich
niedriger, ebenso das Defizit und die Verschuldung der öffentlichen
Haushalte. Das ist das wichtigste Ergebnis der Simulation von fünf
Szenarien zu den Auswirkungen von Änderungen der ökonomischen und
wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen auf das Wachstum der
Weltwirtschaft, die das WIFO in seinem jüngsten Monatsbericht
publiziert hat.
Mit Hilfe des OEF-Weltmodells wurde folgendes Basisszenario der
mittelfristigen Entwicklung der Weltwirtschaft bis 2015 ermittelt:
- Die kurzfristigen Zinssätze sind bis 2015 relativ niedrig, sie
liegen in den USA bei durchschnittlich 2,0%, im Euro-Raum werden sie
weiterhin etwas höher sein (2,7%).
- Der Erdölpreis (Brent) bleibt nach dem starken Anstieg 2010 und
2011 stabil und liegt im Durchschnitt 2010/2015 bei 99,6 $ je Barrel.
- Der Welthandel expandiert bis 2015 um durchschnittlich 7,3% pro
Jahr, annähernd so stark wie in den 1990er-Jahren.
- Die Wirtschaft der Industrieländer erreicht wieder ein ähnlich
hohes Wachstum wie in den 1990er-Jahren (real +2,6% pro Jahr).
- In der EU 27 nimmt das BIP real um 2,1% pro Jahr zu und damit
langsamer als in den 1990er-Jahren (+2,4%), aber etwas rascher als in
den 2000er-Jahren (+1,3%).
- Für den Euro-Raum prognostiziert das WIFO mit dem OEF-Modell ein
Wirtschaftswachstum von 1,8% pro Jahr.
Ausgehend von dieser Basisversion wurden mit Hilfe des OEF-Modells
fünf Szenarien gerechnet:
- Szenario 1, "Rohölverteuerung": Wegen der zunehmenden politischen
Turbulenzen im Nahen Osten und der Unsicherheit über das Ausmaß der
künftigen Atomenergiegewinnung ist der Erdölpreis zwischen 2011 und
2015 um 50 $ je Barrel höher als im Basisszenario (also etwa 150 $).
- Szenario 2, "Sparpolitik": Da die Konsolidierung der öffentlichen
Haushalte hinter den Zielen zurückbleibt und der Stabilitäts- und
Wachstumspakt gleichzeitig verschärft wird, senken die Euro-Länder
die Staatsausgaben für Konsum und Investitionen 2011 im Ausmaß von 1%
des BIP.
- Szenario 3, "Steuererhöhung": Aus denselben Gründen werden
einnahmenseitige Konsolidierungsmaßnahmen ergriffen, die Einnahmen
aus direkten Steuern werden in den Euro-Ländern um 1% des BIP
gesteigert.
- Szenario 4, "Niedrigzinssätze": Die EZB hält den Leitzinssatz bis
2015 bei 1,5%, der Anleihenzinssatz wird bei 3% stabilisiert.
Letzteres wird erreicht, indem Eurobonds zu einem Festzinssatz
emittiert werden, ausgestattet mit einer gemeinsamen Garantie alle
Euro-Länder.
- Szenario 5, "Reallohnanstieg in Deutschland": Die Lohnsumme steigt
in Deutschland bis 2015 real um 2 Prozentpunkte stärker als im
Basisszenario.
Im Fall einer Rohölverteuerung um 50 $ (Szenario 1) wäre das BIP
im Euro-Raum über die Jahre 2011 bis 2015 kumuliert um 4,2% niedriger
als im Basisszenario. Die Arbeitslosenquote läge kumuliert um 1,5
Prozentpunkte über jener der Basislösung, der Budgetsaldo wäre
insgesamt um 3,8% des BIP schlechter, der Leistungsbilanzsaldo um
4,4% des BIP.
Eine gleichzeitige Senkung der Staatsausgaben für Konsum und
Investitionen im Ausmaß von 1% des BIP in allen Euro-Ländern
(Szenario 2) würde die Wirtschaft markant dämpfen, die
Produktionseinbußen summieren sich bis 2015 auf 3,3% des BIP.
Konsolidierungsmaßnahmen durch Anhebung der direkten Steuern im
Ausmaß von 1% des BIP (Szenario 3) würden etwas geringere
Wachstumsverluste nach sich ziehen (2,2%).
Die bei weitem größte Verbesserung der öffentlichen Finanzen wäre
zu erreichen, wenn das Zinsniveau generell und nachhaltig wieder
unter der (nominellen) Wachstumsrate der Gesamtwirtschaft läge: Dies
steigert die Verschuldungs- und Investitionsbereitschaft der
Unternehmen und damit das Wachstum von Produktion und Beschäftigung.
Diese indirekten Effekte sind dabei viel bedeutender als die Dämpfung
der staatlichen Zinszahlungen.
Die Ergebnisse der Modellsimulation verdeutlichen diese
Zusammenhänge: Werden die kurz- und langfristigen Zinssätze im
Euro-Raum auf einem Niveau von 1,5% bzw. 3,0% stabilisiert, so wäre
die Gesamtproduktion (BIP) im Euro-Raum bis 2015 kumuliert um 5,0%
höher als in der Basislösung (Abbildung 1). Dementsprechend wäre die
Arbeitslosenquote merklich niedriger, ebenso das Defizit und die
Verschuldung der öffentlichen Haushalte.
Eine umfassende Niedrigzinspolitik verbessert die Lage der
öffentlichen Haushalte in den einzelnen Ländern umso stärker, je
höher das Ausgangsniveau der Staatsverschuldung und der
Anleihenzinssätze ist. In Griechenland, Irland und Italien würde die
Staatsschuldenquote daher bis 2015 am stärksten sinken. Aber selbst
in Deutschland oder Frankreich hätte eine Niedrigzinspolitik
erhebliche Konsolidierungseffekte, denn sie fördert im Gegensatz zu
einer Politik des Sparens oder der Steuererhöhung die Expansion der
Wirtschaft.
Durch eine solche Strategie kann gleichzeitig eine
Umstrukturierung von Staatsschulden ("hair cut")vermieden werden und
damit eine abrupte Abschreibung von Forderungen der Gläubiger. Indem
diese niedrigere Zinserträge erhalten, ermöglichen sie den
Schuldnerstaaten die langfristige Bedienung ihrer Verbindlichkeiten.
Steigen die Reallöhne in Deutschland bis 2015 pro Jahr um 2
Prozentpunkte stärker als in der Basislösung (die Lohnzurückhaltung
der letzten Jahre wird teilweise wettgemacht; Szenario 5), so würde
die Stärkung der Binnennachfrage etwas stärker ins Gewicht fallen als
die Schwächung der Exporte. Deutschlands hoher
Leistungsbilanzüberschuss verringert sich deutlich, dennoch bleibt
Deutschland Nettoexporteur. Gleichzeitig verbessern sich die
Leistungsbilanzen aller Defizitländer im Euro-Raum, wenn auch in
unterschiedlichem Ausmaß.
Abbildung 1: Zinssätze, Wachstumsrate und Staatsschuldenquote im
Euro-Raum - auf der WIFO-Website (
http://www.wifo.ac.at/wwa/jsp/index.jsp?&fid=12 )
Nähere Informationen entnehmen Sie bitte dem WIFO-Monatsbericht
5/2011 ( http://www.wifo.ac.at/wwa/pubid/41769 ).
Rückfragehinweis:
Dr. Stephan Schulmeister
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung - WIFO
Tel. +43 1 798 26 01-242 * Fax. +43 1 798 93 86
[email protected]
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