Die Presse - Leitartikel: "Museen fehlt der Musenkuss, originelle Ideen wären gefragt", von Barbara Petsch

Ausgabe vom 23.05.2011

Wien (OTS) - Bei den "Museums-Oscars" ging Österreich heuer leer aus. Ein Zufall? Heimische Museen sind auf jeden Fall zu wenig innovativ und an aktuellen Themen interessiert.

Samstagabend wurden in Bremerhaven "Museums-Oscars" vergeben. Österreich ging leer aus. Die ungewöhnlichste Wahl fiel auf das "Museum der zerbrochenen Beziehungen" in Zagreb, das von Liebe und Trennung im ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien handelt. Wie geht es den Museen? Wir bleiben beim Internationalen.
The Museum of London Docklands zeigt, passend zu Disneys Filmpiratenepos eine Ausstellung über Captain Kidd (1645-1701). Mit dem nach Blut dürstenden Blackbeard, ein Verwandter tritt im aktuellen Teil "Fluch der Karibik 4" auf, und dem einbeinigen Long John Silver, er ist ebenfalls bei Disney in einer Variation präsent, gehört Kidd zu den berühmtesten Piraten. Auch in Wien gab es eine filmaffine Ausstellung: "Schaurig schön - Ungeheures in der Kunst" im Kunsthistorischen Museum (KHM) benutzte als Aufhänger Harry Potter. Aber oft kommt es nicht vor, dass sich Museen mit Lust auf die Aktualität einlassen. Lieber arbeiten sie die Kunstgeschichte (Klassische Moderne) oder Jubiläen ab, zeigen, was der Direktor möchte oder die Wissenschaftler vorschlagen. Beispiele gefällig? Jan Fabre (Avantgarde von gestern) im KHM, neueste Ergebnisse der Höhlenforschung im Naturhistorischen Museum, Schiele im Belvedere, Makart im Wien-Museum und "Der blaue Reiter" in der Albertina - das sind Ausstellungen, die toll, aber wenig originell sind. Abgesehen davon, dass sie vielen Durchschnittsmenschen so egal sind, als würde in China ein Baum umfallen.
Apropos China und Volksnähe: Mit großem Pomp wurde Anfang April die Schau "Kunst der Aufklärung" aus Deutschland in China vorgestellt, gespeist aus berühmten deutschen Sammlungen. Die Hoffnung, die Chinesen mögen sich in puncto Menschenrechte, Meinungsfreiheit eines Besseren besinnen und z. B. zeitgenössische Künstler wie den inhaftierten Ai Weiwei und andere Dissidenten freilassen, erfüllte sich keineswegs. Schlimmer: Die Besucherzahlen im Chinesischen Nationalmuseum von Peking lassen zu wünschen übrig. Die Menschen strömen lieber zur gleichzeitig stattfindenden Schau "Wege der Wiederauferstehung" - es geht um China als Wirtschaftsmacht - sowie zur chinesischen Antike. Solche Themen sagen vielen Chinesen einfach mehr.
Schauplatzwechsel: In Istanbul soll noch heuer ein "Migrationsmuseum" eröffnet werden, das sich mit der Geschichte der türkischen Arbeitsmigration nach Deutschland beschäftigt. Wien setzt zwar durchaus Akzente bei der kulturellen Beschäftigung mit Ausländern, im Wien-Museum, bei den Festwochen, im Off-Theater. Fantasievoll, inspiriert, breit ist das Thema nicht präsent.
Dies aber wäre gerade in Zeiten, in denen wachsende Bevölkerungsgruppen nach rechts außen wandern, es vielfach eine Distanzierung vom "Fremden" gibt, demokratiepolitisch wichtig. Eines der wenigen Institute, das in diesem Bereich funktioniert, obwohl es zuletzt einiges zu murren gab (Zerstörung von Hologrammen), ist Wiens Jüdisches Museum. Da geht es nicht allein um Ausstellungen, sondern auch um ein heimatliches Fluidum, wie es z. B. Ronald Lauders Neue Galerie in New York besonders ansprechend verbreitet: Schiele, Klimt und Wiener Apfelstrudel. Damit wären wir bei einem weiteren Manko der Wiener Museumslandschaft: Sie menschelt zu wenig, außer in den Kinderveranstaltungen. Vielleicht sollte man nach deren Vorbild Events für Erwachsene anbieten.

Wiens Museen fehlt Erfindergeist. Vom Staat werden sie kurzgehalten. Bauvorhaben, Sanierungen werden meist aufgeschoben, Direktoren vor allem danach ausgewählt, dass sie Risken meiden, Drittmittel auftreiben. Kleinmut hat sich breitgemacht, der langfristig schädlich für die Kulturnation Österreich sein kann. Museen sind Touristenmagneten.
Das Wort kommt von den Musentempeln der griechischen Antike. Vom sinnlichen Heiligtum der Musen ist aber oft nicht viel zu bemerken, eher von trockener Gelehrsamkeit. Es fehlt der Spaß. Die Museen könnten mehr von jener fröhlichen, urbanen Stimmung brauchen, die heute, nach schwierigem Start, das Museumsquartier ausstrahlt, leider oft nur der Hof, weniger die dortigen Sammlungen.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
chefvomdienst@diepresse.com
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001