- 22.05.2011, 18:40:05
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Die Presse - Leitartikel: "Museen fehlt der Musenkuss, originelle Ideen wären gefragt", von Barbara Petsch
Ausgabe vom 23.05.2011
Wien (OTS) - Bei den "Museums-Oscars" ging Österreich heuer leer
aus. Ein Zufall? Heimische Museen sind auf jeden Fall zu wenig
innovativ und an aktuellen Themen interessiert.
Samstagabend wurden in Bremerhaven "Museums-Oscars" vergeben.
Österreich ging leer aus. Die ungewöhnlichste Wahl fiel auf das
"Museum der zerbrochenen Beziehungen" in Zagreb, das von Liebe und
Trennung im ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien handelt. Wie geht
es den Museen? Wir bleiben beim Internationalen.
The Museum of London Docklands zeigt, passend zu Disneys
Filmpiratenepos eine Ausstellung über Captain Kidd (1645-1701). Mit
dem nach Blut dürstenden Blackbeard, ein Verwandter tritt im
aktuellen Teil "Fluch der Karibik 4" auf, und dem einbeinigen Long
John Silver, er ist ebenfalls bei Disney in einer Variation präsent,
gehört Kidd zu den berühmtesten Piraten. Auch in Wien gab es eine
filmaffine Ausstellung: "Schaurig schön - Ungeheures in der Kunst" im
Kunsthistorischen Museum (KHM) benutzte als Aufhänger Harry Potter.
Aber oft kommt es nicht vor, dass sich Museen mit Lust auf die
Aktualität einlassen. Lieber arbeiten sie die Kunstgeschichte
(Klassische Moderne) oder Jubiläen ab, zeigen, was der Direktor
möchte oder die Wissenschaftler vorschlagen. Beispiele gefällig? Jan
Fabre (Avantgarde von gestern) im KHM, neueste Ergebnisse der
Höhlenforschung im Naturhistorischen Museum, Schiele im Belvedere,
Makart im Wien-Museum und "Der blaue Reiter" in der Albertina - das
sind Ausstellungen, die toll, aber wenig originell sind. Abgesehen
davon, dass sie vielen Durchschnittsmenschen so egal sind, als würde
in China ein Baum umfallen.
Apropos China und Volksnähe: Mit großem Pomp wurde Anfang April die
Schau "Kunst der Aufklärung" aus Deutschland in China vorgestellt,
gespeist aus berühmten deutschen Sammlungen. Die Hoffnung, die
Chinesen mögen sich in puncto Menschenrechte, Meinungsfreiheit eines
Besseren besinnen und z. B. zeitgenössische Künstler wie den
inhaftierten Ai Weiwei und andere Dissidenten freilassen, erfüllte
sich keineswegs. Schlimmer: Die Besucherzahlen im Chinesischen
Nationalmuseum von Peking lassen zu wünschen übrig. Die Menschen
strömen lieber zur gleichzeitig stattfindenden Schau "Wege der
Wiederauferstehung" - es geht um China als Wirtschaftsmacht - sowie
zur chinesischen Antike. Solche Themen sagen vielen Chinesen einfach
mehr.
Schauplatzwechsel: In Istanbul soll noch heuer ein "Migrationsmuseum"
eröffnet werden, das sich mit der Geschichte der türkischen
Arbeitsmigration nach Deutschland beschäftigt. Wien setzt zwar
durchaus Akzente bei der kulturellen Beschäftigung mit Ausländern, im
Wien-Museum, bei den Festwochen, im Off-Theater. Fantasievoll,
inspiriert, breit ist das Thema nicht präsent.
Dies aber wäre gerade in Zeiten, in denen wachsende
Bevölkerungsgruppen nach rechts außen wandern, es vielfach eine
Distanzierung vom "Fremden" gibt, demokratiepolitisch wichtig. Eines
der wenigen Institute, das in diesem Bereich funktioniert, obwohl es
zuletzt einiges zu murren gab (Zerstörung von Hologrammen), ist Wiens
Jüdisches Museum. Da geht es nicht allein um Ausstellungen, sondern
auch um ein heimatliches Fluidum, wie es z. B. Ronald Lauders Neue
Galerie in New York besonders ansprechend verbreitet: Schiele, Klimt
und Wiener Apfelstrudel. Damit wären wir bei einem weiteren Manko der
Wiener Museumslandschaft: Sie menschelt zu wenig, außer in den
Kinderveranstaltungen. Vielleicht sollte man nach deren Vorbild
Events für Erwachsene anbieten.
Wiens Museen fehlt Erfindergeist. Vom Staat werden sie kurzgehalten.
Bauvorhaben, Sanierungen werden meist aufgeschoben, Direktoren vor
allem danach ausgewählt, dass sie Risken meiden, Drittmittel
auftreiben. Kleinmut hat sich breitgemacht, der langfristig schädlich
für die Kulturnation Österreich sein kann. Museen sind
Touristenmagneten.
Das Wort kommt von den Musentempeln der griechischen Antike. Vom
sinnlichen Heiligtum der Musen ist aber oft nicht viel zu bemerken,
eher von trockener Gelehrsamkeit. Es fehlt der Spaß. Die Museen
könnten mehr von jener fröhlichen, urbanen Stimmung brauchen, die
heute, nach schwierigem Start, das Museumsquartier ausstrahlt, leider
oft nur der Hof, weniger die dortigen Sammlungen.
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