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Die Presse - Leitartikel: "Die al-Qaida und ihr Weg auf den Misthaufen der Geschichte", von Christian Ultsch
Ausgabe vom 03.05.2011
Wien (OTS) - Mehr als der Tod von Osama bin Laden setzt dem
Terrornetzwerk der Arabische Frühling zu. Denn die muslimische Jugend
hat nun eine positive Perspektive.
Die al-Qaida funktioniert schon länger ohne Osama bin Laden. Nach den
Terroranschlägen vom 11. September hat er nur noch Tonkonserven
beigesteuert. Die hierarchische Struktur seiner Terrorfirma
dezentralisierte und metastasierte in Dutzende kleine Zellen. Dadurch
war das Netzwerk imstande, eine Vielzahl von Rückschlägen
wegzustecken. Es verkraftete den Tod seines Militärkommandanten
Mohammed Atef im November 2001 in Afghanistan, es überstand die
Verhaftung seines Chefplaners Khaled Sheikh Mohammed im März 2003 in
Pakistan, und es wird auch den Tod seines Gründers Osama bin Laden
überstehen. Als ikonenhafter Inspirator kann der gebürtige Saudi auch
nach seinem physischen Ende weiterwirken; die Rolle des Märtyrers
eignet sich bekanntlich besonders gut dafür.
Die Amerikaner freuten sich auf den Straßen Washingtons und New Yorks
über einen symbolischen Sieg. Über nicht mehr, aber auch nicht über
weniger. Der Mythos bin Ladens bezog nicht zuletzt auch daraus seine
Kraft, dass die unbestrittene Supermacht mit all ihren Drohnen,
Satelliten und Hightech-Möglichkeiten mindestens 13 Jahre nicht in
der Lage war, den Staatsfeind Nummer eins zu finden: Schon nach den
Doppelanschlägen 1998 auf die US-Botschaften in Ostafrika mit mehr
als 220 Toten war der Milliardärssohn ganz oben auf der
Fahndungsliste der Amerikaner gestanden. Doch ihm war weder mit
Raketen noch mit Bodentruppen beizukommen. Immer wieder gelang bin
Laden die Flucht, er hatte offenbar bis zuletzt mächtige Freunde.
Dass er nun ein paar Kilometer von Islamabad entfernt in einer
unübersehbaren Hochsicherheitsvilla ums Leben kam, wirft lediglich
die Frage auf, ob Pakistans Geheimdienst auf einem Auge oder auf
beiden Augen blind war.
Zwei US-Präsidenten, Bill Clinton und George W. Bush, hatten sich an
bin Laden die Zähne ausgebissen. Ausgerechnet Barack Obama blieb es
vorbehalten, dem amerikanischen Volk die Trophäe zu präsentieren. Wie
ein Friedensnobelpreisträger nahm er sich in seiner Triumphrede
allerdings nicht aus. Obama wollte in seiner Ansprache nicht einmal
den Anschein erwecken, dass es sein Ziel gewesen sein könnte, den
al-Qaida-Chef lebend zu fassen und vor ein Gericht zu stellen. An
einem ordentlichen Rechtsverfahren hatten offenbar beide Seiten kein
überbordendes Interesse. Bin Laden hatte in der Vergangenheit
mehrfach seine Absicht geäußert, als "Märtyrer" im Kampf zu sterben.
Und diesen Gefallen tat ihm die US-Spezialeinheit. Laut dem
amerikanischen TV-Sender CNN handelte es sich um eine "Kill-Mission".
Ein Gerichtsprozess hätte die Möglichkeit geboten, die Verbrechen bin
Ladens in all ihrer Monstrosität vor den Augen der Welt
aufzuarbeiten. Die Gefahr, dass die al-Qaida diese Plattform
propagandistisch für ihre Zwecke genützt hätte, wäre beherrschbar
gewesen.
Natürlich wird es auch in den kommenden Jahren Verrückte geben, die
sich und andere im Namen Allahs und bin Ladens in die Luft sprengen
werden. Doch die Anziehungskraft der al-Qaida ist bereits in den
vergangenen Jahren merklich zurückgegangen. Das geht aus Umfragen
hervor, die seit dem 11. September 2011 regelmäßig durchgeführt
werden.
Diese Tendenz könnte sich nun verstärken, weniger durch bin Ladens
Tod, sondern vielmehr durch den Arabischen Frühling. Angesichts der
jungen Demokratiebewegungen, die von Tunis bis Sanaa nach Freiheit
und Wohlstand streben, wirken die Retro-Kalifatsutopien der
Radikalfundamentalisten vom Schlage der al-Qaida seltsam aus der
Geschichte gefallen. Es gibt nun eine andere, eine positive
Perspektive, nicht nur den zerstörerischen Nihilismus von Frömmlern.
Noch ist der Kampf nicht entschieden, noch besteht die Möglichkeit,
dass in den Trümmern der gestürzten Autokratien ein neues
Aufmarschgebiet für Extremisten entsteht. Doch es ist auch die Chance
gestiegen, dass der Jammerdiskurs, in dem sich Muslime als ewige
Opfer angeblicher westlicher Aggression bedauert haben und mit dem
bin Laden seine Terroraktionen stets gerechtfertigt hat, nun
durchbrochen wird. Wenn diese Chance genützt wird, ist es nur eine
Frage der Zeit, bis die al-Qaida dort landet, wo sie hingehört: auf
dem Misthaufen der Geschichte.
Rückfragehinweis:
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