"Ich kann alles außer hören" Abgeordnete Helene Jarmer präsentiert Autobiographie im Parlament

Wien (PK) - Wie es ist, die eigene Stimme nicht zu kennen und
noch nie bewusst Musik gehört zu haben, können sich die meisten Menschen nicht vorstellen. Helene Jarmer weiß von dieser
Situation aus eigener Erfahrung zu berichten: Sie verlor ihr
Gehör im Alter von zwei Jahren. In ihrer heute Abend in den Räumlichkeiten des Palais Epstein vorgestellten Biographie "Schreien nützt nichts. Mittendrin statt still dabei" gewährt die erste gehörlose Abgeordnete im österreichischen Parlament und deutschsprachigen Raum tiefe Einblicke in die für die meisten Menschen unbekannte Welt der Gehörlosigkeit.

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, die in Kooperation mit
der Vereinigung der Parlamentsredakteure und -redakteurinnen zur Präsentation des Buchs geladen hatte, erinnerte an die Angelobung Helene Jarmers am 10. Juli 2009, seit der die Parlamentsdebatten durch GebärdendolmetscherInnen begleitet werden. Diese nicht zuletzt organisatorische Veränderung sei im Hohen Haus mit einem, wie Prammer ausführte, wichtigen Lernprozess einhergegangen. Im Zuge der bevorstehenden Generalsanierung müsse nunmehr der
nächste Schritte in Richtung eines barrierefreien Parlaments
getan werden, zeigte sie sich überzeugt. Die baulichen
Gegebenheit seien schließlich mit ein Grund, dass das Hohe Haus
die Vorgaben des Behinderteneinstellungsgesetzes noch nicht erfülle. Was das heute präsentierte Buch anbelange, hoffe sie, dass es die Anliegen Gehörloser einer breiten Öffentlichkeit näherbringe und die Schwellenangst im Umgang mit behinderten Menschen nehme. Was die Betroffenen brauchten sei schließlich
nicht Mildtätigkeit, sondern die Ermöglichung eines selbstbestimmten Lebens, schloss Prammer.

Eva Glawischnig-Piesczek, Klubobfrau der Grünen, würdigte das politische Engagement Helene Jarmers, das bereits vor Übernahme ihres Abgeordnetenmandats Früchte getragen habe: Als Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes setzte sie sich schließlich erfolgreich für die Verankerung der Gebärdensprache in der Bundesverfassung ein. Dank und Anerkennung gebühre Helene Jarmer außerdem für ihre Hartnäckigkeit und ihren unermüdlichen Einsatz, da sie nie müde werde, daran zu erinnern, dass Österreich die von ihm ratifizierten internationalen Abkommen über die Rechte behinderter Menschen auch umsetzen müsse. Glawischnig-Piesczek erinnerte außerdem an die Antrittsrede Jarmers im Nationalrat,
mit der sie viele "Mauern" niedergerissen und einen Beitrag zum Verständnis einer Gruppe geleistet habe, die nach wie vor benachteiligt werde. Anerkennung gebühre ihrer Fraktionskollegin aber auch dafür, dass sie es mit einigen ihrer Initiativen geschafft habe, alle fünf im Parlament vertretenen Parteien zu überzeugen. Den Erfolg, einen Fünf-Parteien-Antrag auf den Weg zu bringen, könnten OppositionspolitikerInnen schließlich nur selten für sich verbuchen. Dass dies bei wichtigen Themen wie der Anerkennung der Taubblindheit als eigenständiger Art der Behinderung gelungen ist, sei umso erfreulicher, schloss die
Grüne Klubobfrau.

Schauspielerin Sonja Zeisel-Muchitsch gewährte im Rahmen einer Lesung erste Einblicke in das präsentierte Buch und die Lebensgeschichte Helene Jarmers. Dabei erfuhren die VeranstaltungsteilnehmerInnen, dass die Grüne Abgeordnete als hörendes Kind gehörloser Eltern zur Welt gekommen war, sie aber bei einem Autounfall im Alter von zwei Jahren den Gehörsinn
verlor. Vor Aufnahme ihrer politischen Tätigkeit unterrichte
Jarmer 11 Jahre als erste gehörlose Lehrerin an einer Gehörlosenschule. Auf ihrem eigenen Bildungsweg war sie häufig
mit Barrieren konfrontiert worden: Ihr Kampf um einen
Studienplatz an einer Pädagogischen Akademie dauerte nicht nur
ein Jahr, sondern beanspruchte auch viel Kraft. Schließlich verlangte man von der gehörlosen Studentin bereits vor Beginn des Studiums eine Bestätigung über das Vorhandensein eines späteren Arbeitsplatzes.

Dass LehrerInnen ohne Kenntnis der Gebärdensprache an Gehörlosenschulen unterrichten dürfen, ist für Jarmer nicht nachvollziehbar. Diese Tatsache trage schließlich nicht dazu bei, die unter gehörlosen Menschen in Österreich und Deutschland hohe Analphabetenrate zu senken. Personen mit einer solchen
Behinderung brauchten aber einen von Beginn an gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Sprache, stand für Jarmer außer Frage, diesbezügliche Defizite seien schließlich nur schwer zu beseitigen. Österreich könnte auf diesem Gebiet etwa dem Vorbild der skandinavischen Staaten folgen.

Dass ihr im Alltag ein/e Gebärdendolmetscher/in ständig zur Verfügung stehe, ermögliche ihr gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben und bedeute gelebte Inklusion, deren Verwirklichung sie sich für alle behinderten Menschen wünsche. Da Simultanübersetzungen im internationalen Bereich "gang und gäbe" seien, ohne dass in diesem Zusammenhang über den sinnvollen
Einsatz von Steuergeldern "sinniert" werde, verstehe sie auch
nicht, warum man diese Frage im Falle der Gebärdensprache
aufwerfe.

Gehörlosigkeit sei eine Behinderung, aber kein Handicap - eine Herausforderung, aber keine Schmach, wollte Jarmer auch im Rahmen eines Gesprächs mit Johannes Huber (Vorsitzender der Vereinigung der Parlamentsredakteure und -redakteurinnen) festgestellt
wissen. Dem Publikum gab die Grüne Abgeordnete abschließend noch einige wichtige Gebärden auf den Weg - darunter auch jene für Toleranz.

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