• 22.04.2011, 21:00:11
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TIROLER tAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 23. April 2011 von Mario Zenhäusern "Kirche steht vor radikalem Umbruch"

Missbrauchswelle, Priestermangel und zunehmender Atheismus drängen Religion aufs Abstellgleis.

Innsbruck (OTS) - Die Kirchenaustritte haben im Vorjahr
Rekordwerte erreicht: So viele Menschen wie noch nie seit mehr als 70
Jahren haben der katholischen Kirche den Rücken gekehrt. Die Zahl der
regelmäßigen Gottesdienstbesucher stagniert im besten Fall, in den
meisten Pfarren sinkt auch sie. Die Kirche steckt in ihrer größten
Krise seit Jahren.
Vor diesem Hintergrund verwundert nicht, dass laut Vertrauensindex
von APA und OGM die Mehrheit der Menschen im Land ihre Seele am
liebsten in die Hände des Dalai Lama legen würde. An zweiter und
dritter Stelle, aber mit großem Respektabstand, folgen Kardinal
Schönborn und Papst Benedikt XVI.
Mit dafür verantwortlich ist die Welle von Missbrauchsfällen, die
seit zwei Jahren über Österreich schwappt. Sie vertreibt nicht nur
Betroffene, deren Angehörige und Freunde. Vielfach wird die nicht
abflauende Kritik an der Kirche auch als Argument verwendet, einen
schon länger geplanten Austritt in die Tat umzusetzen. Dass die
österreichische Kirche auf die Missbrauchsfälle rascher, umsichtiger
und effizienter reagiert hat als anderswo - vor allem als Rom -,
nützt nichts. Mitgefangen, mitgehangen!
Ob es der Kirche je gelingt, das verloren gegangene Terrain
wiedergutzumachen, ist fraglich. Die Rahmenbedingungen verbessern
sich ja nicht. Dafür sorgen der in Tirol zunehmende Atheismus auf der
einen und die nicht zuletzt durch den akuten Priestermangel bedingte
Schwierigkeit, dieser Tendenz zur Abkehr entgegenzuwirken, auf der
anderen Seite.
In einem TT-Interview vor etwas mehr als einem Monat meinte Kardinal
Chris\x{2588}toph Schönborn, die katholische Kirche müsse sich darauf
einstellen, künftig nur noch ein Anbieter unter vielen zu sein. Wenn
er Recht hat, und alles deutet darauf hin, steht die Kirche vor einem
radikalen Umbruch. Nur so kann sie diese neuen Herausforderungen
meistern.

Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

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