• 21.04.2011, 18:36:10
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"Die Presse" Leitartikel: Gerechtigkeit für Sebastian Kurz, von Oliver Pink

Ausgabe vom 22.04.2011

Wien (OTS/Die Presse) - Darf's ein bisschen Klassenkampf sein?
Die Ablehnung, der Hass und die Häme, die dem neuen Staatssekretär
entgegenschlagen, sind rational kaum zu erklären.

Selten ist einem neuen Regierungsmitglied noch vor der Angelobung so
viel Ablehnung - in den Internetforen auch Hass - entgegengeschlagen
wie Sebastian Kurz. Journalisten, Migrations- und sonstige Experten,
die sich dafür halten, arbeiten sich am 24-jährigen
Neo-Staatssekretär ab.

Wie der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier am Donnerstag in den
"Salzburger Nachrichten": Kurz sei "fürchterlich uncharismatisch,
kommt überheblich und borniert rüber", meinte Heinzlmaier. Um dann
noch nachzulegen: "Kurz ist der Typus des mit dem goldenen Löffel im
Mund aufgewachsenen Hietzingers. Solche Personen aus der Oberschicht
lösen Ressentiments aus."

Geht's noch? Woher muss denn für den Jugendforscher jenseits der
fünfzig ein Politiker kommen, damit er von seinem Erscheinungsbild
her die Lebensrealität der Jugend widerspiegelt? Und wieso muss er
das überhaupt?

Winston Churchill kam im Schloss seines Großvaters, des 7. Herzogs
von Marlborough, "mit dem goldenen Löffel im Mund" zur Welt. Das
hielt ihn später als Politiker - im zarten Alter von 27 war er
bereits Parlamentsabgeordneter - nicht davon ab, sein Land und die
Welt vor dem Faschismus zu retten.

Nun ist dieser Vergleich zugegebenermaßen ein wenig weit hergeholt.
Aber ob jemand ein guter Politiker wird oder nicht, hängt nicht von
seiner Herkunft und auch nicht von seinem Alter ab. Man kann das
ohnehin erst immer retrospektiv beurteilen.

So gesehen hat Sebastian Kurz eine Chance verdient. Aber doch nicht
in einem so heiklen Bereich wie der Integration, werden die Kritiker
jetzt einwenden. Wieso nicht? Es weiß ja ohnehin keiner so genau,
wofür wir ein Integrationsstaatssekretariat wirklich brauchen, und
was so ein Integrationsstaatssekretär denn überhaupt genau können und
tun soll. Die Einrichtung eines Integrationsstaatssekretariats ist in
erster Linie einmal ein Eingeständnis, dass es mit der derzeitigen
Integrationspolitik nicht zum Besten steht.

Und wieso die Integration bei uns in erster Linie als Thema für die
NGOs gilt, deren Vertreter nun großflächig zu Wort kommen, muss einem
auch erst einmal jemand erklären. Ein Migrant zweiter Generation
türkischer/ex-jugoslawischer Abstammung in Wien hat wahrscheinlich in
seinem ganzen Leben nie irgendetwas mit einer solchen NGO zu tun.

Dennoch wird man den - redlichen - Kritikern auch recht geben müssen:
In Integrationsfragen hat Sebastian Kurz keine wirkliche Expertise.
Sehr offenherzig hat Michael Spindelegger dies bei dessen
Präsentation auch zugegeben, indem er erklärte, was Kurz für das Amt
befähige: Er sei jung, und er sei Wiener. Das ist in der Tat ein
wenig dürftig. Da wird man sogar dem Kommentator des "Standard",
jener Zeitung, die seit Tagen gegen Kurz regelrecht kampagnisiert,
recht geben müssen: Dann könnte auch jeder Teamchef werden, der
einmal ein Fußballmatch gesehen hat.

Die ÖVP-Überlegung, Sebastian Kurz ins Rennen zu schicken, liegt auf
der Hand: der Partei ein jugendlicheres Image zu verpassen. Das ist
ihr genauso misslungen wie der SPÖ. Denn auch für deren "Jungstars"
wie Laura Rudas oder Nikolaus Pelinka gilt dasselbe wie für Kurz -
Ablehnung, Hass und Häme im Publikum, rational schwer
nachvollziehbar. Wer jung ist und - anscheinend allzu offensichtlich
- dazu steht, Karriere machen zu wollen, ist unten durch. Wer nicht
schon mit 15 Jahren geerdeter Marxist und in den Straßen der
Außenbezirke aufgewachsen ist, dem fehlt die "street credibility" in
der Politik, der darf dort nichts werden.

Was bisher von Sebastian Kurz politisch überliefert ist - wenn wir
den peinlichen "Geil-o-mobil"-Auftritt im Wiener Wahlkampf einmal
beiseitelassen - disqualifiziert ihn jedenfalls nicht für ein
politisches Amt: Dass in Moscheen auf Deutsch gepredigt werden soll,
dass Imame einen österreichischen Background haben sollen, dass das
Pensionssystem zugunsten der Jungen reformiert gehört - ja, darüber
kann, soll und muss man reden.

Früher gab es die Sitte der hundert Tage Schonfrist für Frischlinge.
Es war keine schlechte Tradition.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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