- 17.04.2011, 18:05:27
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"DER STANDARD"-Kommentar: '"Pragmatisch und leidenschaftslos" von Conrad Seidl
Der Nachwuchs, der in der ÖVP zum Zug kommt, sieht ziemlich alt aus -Ausgabe vom 18.4.2011
Wien (OTS) - Maria Fekter ist ein wahrer Tausendsassa - seit sie
als Finanzministerin im Gespräch ist, zeigt sie einer staunenden
Öffentlichkeit, dass sie auch recht sympathisch sein kann. So wirkten
- aus nicht immer ganz nachvollziehbaren Gründen - alle möglichen
Amtsvorgänger, von Josef Klaus bis Viktor Klima, von Hannes Androsch
bis Karl-Heinz Grasser, im Krisenjahr 2009 auch Josef Pröll.
Allerdings haben Prölls Umfragewerte in letzter Zeit ebenso gelitten
wie seine gesunde Jugendlichkeit.
Aber Jugend ist ohnehin kein Wert an sich, ein bürgerlicher sowieso
nicht. Das sieht man auch daran, wie jetzt die Personalsuche in der
ÖVP läuft: Auf den 43-jährigen Parteichef Josef Pröll folgt der
51-jährige Michael Spindelegger. Auf den 43-jährigen Finanzminister
folgt die 55 Jahre alte Frau Fekter. Wo sind die Jungen?
Lange war spekuliert worden, ob Fekter nicht die 44 Jahre alte
Justizministerin beerben sollte - aber da tauchte am Wochenende noch
eine weitere Inkarnation des Senioritätsprinzips auf: Franz Fiedler
würde den Job doch gut beherrschen, der Ex-Rechnungshofpräsident ist
kürzlich 67 Jahre alt geworden und doch noch recht herzeigbar! Hat
Spindelegger eigentlich schon mit Andreas Khol gesprochen? Der hat
den mitgliederstarken Seniorenbund hinter und den 70. Geburtstag noch
vor sich, wenn auch knapp.
Alle Genannten sind exzellente Politik-Profis mit reichem
Erfahrungsschatz. Tatsächlich hat Maria Fekter bewiesen, dass sie
ohne Einarbeitungszeit in jede politische Rolle schlüpfen kann: Sie
war eine sympathische Tourismus-Staatssekretärin, sie hat als
Justizsprecherin kompetent und als Volksanwältin ebenso mitfühlend
wie als Innenministerin hartherzig gewirkt. Immer pragmatisch, immer
leidenschaftslos - ein Polit-Profi eben. Wollen wir von solchen
Leuten regiert werden?
Wahrscheinlich schon, so traurig das auf den ersten Blick aussieht.
Auf den zweiten Blick rücken aber die Quereinsteiger-Schicksale ins
Bild: Wie tief ist die einst hochgelobte Ministerin Claudia
Bandion-Ortner in der Gunst von Medien und Partei gesunken! Wie
kläglich ist der fähige Manager Raimund Solonar als Generalsekretär
gescheitert! Wie haben Sportler, Journalisten und andere Prominente
erfahren müssen, dass die Gestaltungsspielräume in einer Partei
klein, die Rivalitäten aber groß sind!
Wenn es mit dem Quereinstieg nicht klappt, dann vielleicht auf dem
traditionellen Weg? Also: Parteiarbeit machen, die Basis betreuen,
die Basis vertreten - und dann irgendwann in der Hierarchie
aufrücken. So etwas funktioniert vielleicht in Großparteien, aber die
gibt es heute nicht mehr: In der geschrumpften ÖVP bleibt das
Stammpersonal unter sich, die Rekrutierungwege sind weitgehend
verstopft. Kommt in der komplizierten Organisationsstruktur doch
einmal jemand Neuer nach oben, so wird ihm oder ihr vorgeworfen,
unerfahren zu sein. Verena Remler könnte wohl ein Lied davon singen -
aber der Staatssekretärin will ohnehin keiner zuhören.
Was also können Spindelegger und sein Team tun? Naheliegend wäre:
allen Widrigkeiten zum Trotz erst einmal überzeugende Sacharbeit
machen; die in einer Koalition ohnehin bescheidenen Möglichkeiten
nutzen, die eigene Handschrift zu zeigen. Engagiert streiten - aber
nicht miteinander, sondern mit der Opposition, fallweise mit dem
Koalitionspartner.
Und Nachwuchs aufbauen, der ab 2013 zum Zug kommen könnte.
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Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
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