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"Die Presse am Sonntag" Leitartikel: 14 Lektionen für Josef Pröll, von Rainer Nowak
Ausgabe vom 10.04.2011
Wien (OTS) - Eigentlich ist es gar nicht so schwer: Josef Pröll
muss nur begreifen, dass Werner Faymann immer mächtiger ist, manche
Parteifreunde immer neidig sind und der ORF verloren ist
Sehen wir es positiv: Josef Pröll kann seine Erkrankung als wertvolle
Erfahrung nützen. Stimmt schon, der Hinweis mit der wichtigen
Lebenserfahrung klingt nach Wandkalender für das St. Pöltner Landhaus
und begleitet sonst nur Grundwehrdiener und schulische Sitzenbleiber,
aber bei Pröll sollte die Übung gelingen.
Erfahrung eins: Traue keiner medialen Berichterstattung. Vor ein,
eineinhalb Jahren war Pröll noch der starke finanzpolitische
Steuermann in der Wirtschaftskrise, der heimliche Kanzler neben dem
nervösen, zurückgezogen arbeitenden Stadtrat am Ballhausplatz und der
mutige Reformer mit der richtigen Perspektive. Heute ist das alles
vergessen. Es kann aber wieder besser werden.
Erfahrung zwei: Ein Politiker kann in einer Partei wie der ÖVP noch
so umrühren, Tabus umstoßen und neue Thesen diskutieren. Er kann alle
politisch Hungrigen noch so intensiv in progressive Gruppenarbeit
einbinden und einen Schub der gesellschafts- und
wirtschaftspolitischen Erneuerung fordern. Kurz danach stehen Fritz
Neugebauer und Werner Amon vor der Tür und sammeln für die
Lehrergewerkschaft und blasen zum traditionellen Lemmingsumzug des
ÖAAB.
Erfahrung drei: Egal, wie gut oder - wie im Fall Pröll zuletzt -
bemüht man seinen Job in einer Partei erledigt, irgendein
Parteifreund ist immer neidig und eitel genug, sich für den besseren
Kandidaten zu halten und mehr oder weniger dezent am Stuhl zu sägen.
Oder hat Anhänger, die neidig und eitel genug sind, das für ihn zu
erledigen.
Erfahrung vier: Wenn man immer nur denselben zwei Beratern glaubt,
hält man die internen und alle externen Verfolger für noch
gemeingefährlicher, als sie schon sind.
Erfahrung fünf: Egal, wie gut und clever man sich im weltweit
gefürchteten niederösterreichischen Bauernbund oder im Angesicht des
Sauschädels beim sagenumwobenen Buffet im Raiffeisen-Haus vorkommt,
Werner Faymann ist mit seinen Inseraten und der Wiener Großfamilie
Häupl-Dichand immer noch mächtiger und schneller.
Erfahrung sechs: Ernst Strasser war und ist kein Guter.
Erfahrung sieben: Othmar Karas ist auch nicht so gut, wie er glaubt,
und kann reden, bis das Mobiltelefon glüht. Aber er hat echte
politische Überzeugungen. Und die ähneln sogar denen der
ÖVP-Klientel.
Erfahrung acht: Selbst wenn man mit Maria Fekter die beste
ÖVP-Statthalterin seit Wolfgang Schüssels Klubchef Wilhelm Molterer
hat, ohne offensive Informationspolitik werden die Schlagzeilen und
Spekulationen nicht besser.
Erfahrung neun: Die Tatsache, dass der aktuelle Klubchef Karlheinz
Kopf seinen Vorgänger Molterer immer wegen dessen straffer
Klubführung freigeistig kritisierte, bedeutet nicht, dass aus dem
ÖVP-Klub eine basisdemokratische Kommune entsteht.
Erfahrung zehn: Nur weil ÖVP-Generalsekretär Fritz Kaltenegger
witziger als sein Vorgänger Reinhold Lopatka ist und länger nachdenkt
als der Parteisekretär dazwischen, Hannes Missethon, heißt das noch
lange nicht, dass er ein guter Manager und Parteipersonalchef ist.
Erfahrung elf: Wenn man das Match um den Einfluss im ORF endgültig
verloren hat, kann man doch gleich die restlichen verbliebenen Kräfte
abziehen und erstmals seit Gerd Bacher glaubwürdig für die
Entpolitisierung des öffentlich-rechtlichen Senders eintreten.
Erfahrung zwölf: In der Opposition ist es vielleicht doch nicht so
schlecht, wie alle in der ÖVP glauben. Heinz-Christian Strache macht
etwa seit Monaten intensiv nichts und legt in allen Umfragen zu.
Erfahrung dreizehn: Josef Pröll ist aber eben sicher nicht
Heinz-Christian Strache.
Erfahrung vierzehn: Wenn man sich für seine Gesundheit, einen
normalen Beruf und mehr Zeit mit der Familie entscheidet, ist die
Wahrscheinlichkeit, dass man besser und länger lebt, sehr hoch.
Einem Vollblutpolitiker wie Josef Pröll ist das zwar bewusst, aber
leider nicht so wichtig. Er kann vermutlich nicht anders.
Rückfragehinweis:
Die Presse am Sonntag
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
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