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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 29. März 2011 von Irene Heisz "Nicht von dieser Welt"
Benedikt XVI. verordnet der Kirche Weltabgewandtheit. Und die Welt wendet sich von der Kirche ab.
Innsbruck (OTS) - In drei Wochen, am 19. April, begeht Benedikt
XVI. den 6. Jahrestag seiner Wahl zum Papst. Bisher hat der knapp
84-jährige Kirchenführer alle Propheten Lügen gestraft, die damals
ein "Übergangspontifikat" beginnen sahen. Im Gegenteil. Der greise
Papst gibt der von hausgemachten Problemen massiv gebeutelten Kirche
einen radikal restaurativen Kurs vor, der vor allem in Mitteleuropa
für viel Widerspruch sorgt.
Rom erzeugt systematisch massiven Druck. Der reicht bis hin zur
infamen Logik eines Vatikandiplomaten, der vor dem
UN-Menschenrechtsrat in Genf neulich allen Ernstes den "verstörenden
Trend" anprangerte, dass religiös motivierte Homophobie heutzutage zu
"Verfolgung" führe.
Man darf den Einfluss derer nicht unterschätzen, die aus ihrer
Verunsicherung in unserer pluralistischen Welt gern in
Weltabgewandtheit fliehen. Wer die Wahrheit gepachtet hat, betrachtet
Relativismus eben als teuflische Bedrohung statt als Motor jeglicher
Philosophie, jeglicher Ethik und jeglichen wissenschaftlichen
Fortschritts.
Doch Druck erzeugt Gegendruck: Da ist die Masse derer, die ihre
individuelle Religiosität aus den Institutionen gelöst haben. Da sind
Länderkirchen wie die österreichische, denen zurzeit das lange Jahre
bequeme, von der Staatsgewalt gestützte Pflichtbeitragssystem auf den
Kopf fällt. Da werden in einem Volksbegehren gegen "kirchliche
Privilegien" Äpfel mit Birnen und ein paar harten Nüssen dazu
vermischt; da werden theologische Memoranden pro und contra Rom
verfasst. Und da bringt es - eine Skurrilität am Rande! - ein
Innsbrucker Lehrer zu Aufmerksamkeit, der seinen eigenen
antireligiösen Fanatismus für angemessener hält als religiösen
Fanatismus - oder auch nur eine regional übliche Grußformel.
In drei Wochen begeht Benedikt XVI. den 6. Jahrestag seiner Wahl.
Viele Gründe, zufrieden Zwischenbilanz zu ziehen, dürfte der Papst
nicht finden.
Rückfragehinweis:
Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610
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