- 28.03.2011, 18:12:27
- /
- OTS0235 OTW0235
"DER STANDARD"-Kommentar: "Wo Vorurteile Charme gewinnen" von Conrad Seidl
Die Grünen sind, wie sie eben sind - Jetzt beginnt sich ihre Konsequenz zu lohnen - Ausgabe vom 29.3.2011
Wien (OTS) - Von den Grünen meint man zu wissen: Das sind
Latzhosenträger, die in Herrgottschlapfen gegen Atomkraftwerke
demonstrieren. Das sind Müsliesser, denen Bruder Baum näher ist als
viele Mitmenschen. Andererseits: Gutmenschen sind sie auch, gut vor
allem zu Ausländern. Im Verhindern sind sie besser als in
konstruktiver Arbeit. Und natürlich sind sie untereinander heillos
zerstritten.
Vorurteile, gewiss. Ganz alte noch dazu. Aber stark prägend für das
Bild, das sich von der grünen Partei vor allem bei älteren Wählern
festgesetzt hat - in einer Wählerschicht, wo die Ökopartei seit
Jahren keinen Fuß auf den Boden bringt. Es ist ja wahr: Wer die
Grünen in ihrer Frühzeit gekannt hat, wird auf seine alten Tage kaum
registrieren, wie die Partei heute aufgestellt ist. Sondern sich
wundern, dass die Deutschen in so hohem Maße den Grünen vertrauen:
Fast jeder vierte Wähler in Baden-Württemberg, immerhin 15,4 Prozent
in Rheinland-Pfalz, in bundesweiten Umfragen gelegentlich auf dem
zweiten Platz, vor der SPD. Sind das wohl die gleichen Grünen wie die
bei uns?
Ja, im Wesentlichen schon. Sie haben die gleichen Grundsätze, machen
eine ähnliche Politik und kämpfen gelegentlich mit vergleichbaren
Problemen. Aber sie sind ein schönes Stück erfolgreicher. Gewiss:
Momentan bewegt Deutschland das Thema Atomausstieg. Die Bilder aus
Japan und deren Kommentierung durch durchwegs die Atomkraft
ablehnende Journalisten haben den Grünen am Wahlsonntag geholfen.
Aber man darf nicht vergessen: Auch die deutschen Grünen hatten schon
existenzielle Krisen: Anfang der 1990er-Jahre wären sie ohne
Listenkoppelung mit dem Bündnis 90 aus dem Bundestag geflogen. Als
sie dann in der Regierung Schröder endlich mal zeigen konnten, was
sie können, kam das bei der Basis auch nicht gerade gut an:
Pragmatisch trugen sie die ersten Kampfeinsätze in der Bundeswehr
mit. Und wäre ihr Außenminister Joseph "Joschka" Fischer nicht das
populärste Mitglied in Gerhard Schröders Kabinett gewesen - wer weiß,
ob es die Partei nicht zerrissen hätte.
Die österreichischen Grünen haben die Chance, in die Bundesregierung
einzutreten, 2002/03 verpasst - und wer weiß, wofür es gut war.
Vielleicht hätten ihnen (wie drei Jahre vorher den Freiheitlichen)
Erfahrung und Pragmatismus gefehlt und sie wären ebenso an Wolfgang
Schüssel gescheitert.
Inzwischen aber haben sie Regierungserfahrung: Rudi Anschober zeigt
seit Jahren in Oberösterreich, wie man mit Umwelt- und Energietechnik
Arbeitsplätze schafft, Maria Vassilakou könnte es in Wien schaffen,
der Stadt ein frischeres Lebensgefühl zu verpassen, ohne die
Wirtschaft zu verprellen.
Und was die Vorurteile über die Grünen betrifft: Die wirken momentan
geradezu als Empfehlung für die Grünen. Sie sind Verhinderer? Ja,
bitte! In einer Zeit, wo viele meinen, dass es fundamentale
Fehlentwicklungen gibt, sind Verhinderer dieser Fehlentwicklungen
gefragt. An den Beispielen Atomausstieg und Stuttgart 21 hat sich
erwiesen, dass das beachtliche Wählerströme mobilisieren kann.
Müsliessen und Biokost haben die Grünen in die Mitte der Gesellschaft
gebracht. Dass man mit Flüchtlingen, auch mit
Wirtschaftsflüchtlingen, nicht so umgehen kann wie die jetzige
Regierung, dürfte längst eine Mehrheit einsehen. Und streiten darüber
(und untereinander)? Ja, auch das ist besser als das Verschweigen von
Konflikten.
Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST






