• 14.01.2011, 18:31:21
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Die Presse - Leitartikel: "Unser Wettbewerbsproblem ist ein Wettbewerbsproblem", von Michael Fleischhacker

Ausgabe vom 15.01.2011

Wien (OTS) - Österreich gibt nicht zu wenig Geld für seine
Bildungsinstitutionen aus. Aber es hat ein Säkularisierungsproblem:
Der Glaube an den Wettbewerb ist verschwunden.

Wenn Bildungsdebatten unter Berufung auf statistisches Material
geführt werden, ist Vorsicht angebracht. Ein Klassiker dieses Fachs
sind die Vergleiche der Akademikerquoten zwischen Österreich und
Frankreich, in denen wir immer ziemlich schlecht ausgesehen haben.
Irgendwann kam man drauf, dass in Frankreich jede Kindergärtnerin als
Akademikerin geführt wird, was einen Teil der Diskrepanz erklärt hat.
Inzwischen ist es auch in Österreich en vogue, den Akademikeranteil
nicht durch einen Anstieg der Zahl der Universitätsabsolventen,
sondern durch ein Absenken der Voraussetzungen für akademische Grade
zu erhöhen.
Institutionen, die früher Nichtakademiker hervorgebracht haben,
bringen heute Akademiker hervor (MTD, MAS, PH), ohne dass sich an
ihren Curricula Wesentliches geändert hätte. Es war einfach
reizvoller, die Tatsachen den eigenen Strukturen anzupassen als die
eigenen Strukturen den Tatsachen. Jeder Vorschlag zur Umkehrung
dieses Trends verdient Unterstützung.
Immer öfter hat man den Eindruck, dass die militärisch-statistische
Präzision, mit der Bildungsvergleiche exerziert werden, einen
Hauptzweck verfolgt: die Dinge verschwimmen zu lassen.
Betreuungsquoten, BIP-Prozent pro Kopf, Lehrer-Schüler-Verhältnis,
Forschungsquoten, Quoten aller Art: Sie bedeuten alles, sagen aber
nichts. Zumindest nicht darüber, was Wettbewerbsfähigkeit auf dem
Feld der Bildung überhaupt bedeutet, und wie sie verbessert werden
kann. Oder glauben wir wirklich, dass wir die Wettbewerbsfähigkeit
Österreichs dadurch erhöhen können, dass sich inzwischen jeder
bessere Wifi-Kurs als Universitätslehrgang schön macht?
Unser Problem gegenüber China und den Vereinigten Staaten ist nicht,
dass die Konkurrenz mehr Geld für den tertiären Bildungssektor
ausgibt (die Amerikaner übrigens mit einem viel größeren privaten
Anteil als wir, die Chinesen fast ausschließlich staatlich, was
zeigt, wie irrelevant diese Frage ist). Unser Problem ist die Antwort
auf die Frage, warum sie mehr Geld ausgibt.
Die Antwort ist immer die gleiche: Wir stehen im globalen Wettbewerb
mit Gesellschaften, in denen Bildung als unbedingte Voraussetzung für
das persönliche und gesellschaftliche Fortkommen des Einzelnen gilt.
Und in denen die Überzeugung, dass zunächst einmal der Einzelne für
dieses sein Fortkommen verantwortlich ist, nicht als Verstoß gegen
das verfassungsmäßig garantierte Menschenrecht auf Totalversorgung
durch die Gemeinde Wien gilt. Der Österreicher zieht das Dableiben
dem Fortkommen in jeder Hinsicht vor, was kein Wunder ist, wenn das
Dableiben auch im Sinne der sozialen Immobilität so kommod ist.
Säkularisierung, das heißt auf Österreichisch, dass man den Menschen
in jahrzehntelanger Missionsarbeit den Glauben an den Wettbewerb
ausgetrieben hat. Anders lässt sich die nahezu panische Angst vor
jeder Form der inhaltlichen Selektion auch und gerade im
Bildungsbereich nicht erklären. Anders lässt sich ebenso nicht
erklären, warum in Österreich plausible Alternativen zum gleichmäßig
lauwarmen Regen aus der Bildungssubventionsgießkanne nicht einmal
ignoriert werden.

Warum definiert die Regierung nicht einen Betrag, der für die
Ausbildung eines jeden jungen Menschen zur Verfügung gestellt wird,
und überlässt es den Eltern, diesen Scheck dort einzulösen, wo sie
das für ihr Kind ansprechendste Angebot sehen? Warum definiert der
Staat nicht eine Anzahl von Studienplätzen pro Fach, die von den
geeignetsten Kandidaten in Anspruch genommen werden können? Warum
leitet er nicht einen großen Teil der Universitätsmittel in
kompetitive Forschungsmittel um, die nicht die Verhandler mit dem
besten Sitzfleisch, sondern die Wissenschaftler mit den besten
Projekten bekommen?
Ob wir die von der Regierung gesteckten Ziele für BIP-Prozentquoten
der Bildungsausgaben erreichen, ist ungefähr so wichtig wie der
Prozentanteil der burgenländischen Bergbauern unter den Vorarlberger
Akademikern. Wir haben nicht ein Wettbewerbsproblem, weil wir zu
wenig Geld ausgeben. Wir haben ein Wettbewerbsproblem, weil wir ein
Wettbewerbsproblem haben.

Rückfragehinweis:
[email protected]

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