• 13.01.2011, 18:08:56
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DER STANDARD-KOMMENTAR "Teurer Sprit kein Grund zur Panik" von Eric Frey

Auch wenn Öl- und Lebensmittelpreise steigen, kehrt die Inflation nicht zurück - Ausgabe vom 14.1.2011

Wien (OTS) - Autofahrer sollten sich an die hohen Treibstoffpreise
der letzten Wochen gewöhnen. Es gibt viele Gründe, warum der Ölpreis
weiter steigen wird - die Erholung der Weltwirtschaft, starke
Nachfrage aus China, Produktionsprobleme in vielen Ölregionen - und
nur wenige, die auf einen Rückgang hindeuten. Die 100-Dollar-Grenze
für ein Fass Rohöl dürfte bald fallen, und auch wenn Experten keinen
Dauertrend sehen, könnte der Rekordwert von 147 Dollar aus dem Sommer
2008 mittelfristig übertroffen werden. Selbst das schon oft
prognostizierte 200-Dollar-Öl könnte dann Realität werden. Ob man nun
das "Peak Oil"-Szenario glaubt oder nicht: Die Ausweitung der
Ölproduktion stößt an ihre Grenzen, das Wachstum der Nachfrage leider
nicht.
Deshalb ist der Preisanstieg gar keine so schlechte Sache. Wenn es
eine Chance gibt, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu
reduzieren, um so dem Klimawandel Einhalt zu gebieten, dann nur durch
steigende Kosten. Nur bei einem anhaltend hohen Ölpreis kaufen
Menschen sparsame Autos und investieren Regierungen in den Ausbau des
öffentlichen Verkehrs. Nur wenn Heizen noch viel teurer wird, werden
Millionen von schlecht isolierten Altbauten thermisch saniert. Das,
was die Weltgemeinschaft in Kopenhagen und Cancún nicht geschafft
hat, könnten die Marktkräfte von sich aus bewirken.
Anders als in den Siebziger- und Achtzigerjahren wird das Wachstum
durch hohe Energiepreise nur wenig gebremst. Nicht 2008 war das Jahr
der Krise, sondern 2009, als der Ölpreis drastisch fiel. Und auch
wenn Autofahrer stöhnen - teures Öl ist für fast alle leistbar, wenn
sie ihr Verhalten entsprechend anpassen.
Viel problematischer ist der rasante Anstieg der Lebensmittelpreise,
für den ebenfalls kein Ende in Sicht ist. Zwei Drittel der Menschheit
können auch mit höheren Kosten für Nahrung - wenn auch oft unter
beträchtlichen Einschnitten -_ leben. Aber für das restliche Drittel
droht der Preisanstieg bei Reis, Mais und Weizen zum Absturz in
bittere Armut, Krankheit oder Tod zu führen. Dazu kommt die Gefahr
von Hungerrevolten in politisch ohnehin instabilen Ländern.
Angesichts schlechter Ernten, an denen der Klimawandel viel Schuld
trägt, gibt es weltweit kaum noch Reserven, um Hungersnöte zu
bekämpfen. Dazu kommt, dass die Reaktion vieler Staaten auf
Lebensmittelknappheit - Exportbeschränkungen für die eigenen
Agrarprodukte - die weltweite Knappheit weiter verschärft.
Wirkungsvolle Lösungen brauchen alle ihre Zeit.
Diese Preistrends bedeuten allerdings nicht die Rückkehr der
Inflation - zumindest nicht in den Industriestaaten. Für Chinas
Wirtschaft ist die Teuerung das Hauptproblem, das durch eine
verfehlte Währungspolitik noch verschärft wird. Aber wie
Goldman-Sachs-Ökonom Jan Hatzius im jüngsten Standard-Interview
sagte, ist in den USA trotz ihrer lockeren Geldpolitik keine Spur von
Inflation zu sehen. Auch in der Eurozone werden - obwohl die EZB
bereits warnt - die deflationären Tendenzen in den Schuldenstaaten,
die ihre Lohnkosten senken müssen, den Preisauftrieb in Deutschland
und Österreich dämpfen.
Deshalb ist zu hoffen, dass die heimische Politik nicht in eine
Inflationspanik wie im Sommer 2008 verfällt, bloß weil Benzin und
Brot mehr kosten. An den Folgen der damaligen "Anti-Teuerungs-Pakete"
- vor allem den Zugeständnissen an die Pensionisten - leidet
Österreich noch heute.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70 DW 445

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