• 16.12.2010, 18:35:35
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"Die Presse" Leitartikel: Schwerer Managementfehler bei der Währungsunion, von Wolfgang Böhm

Ausgabe vom 17.12.2010

Wien (OTS) - Mit der Krise wird offensichtlich, wie naiv die
Gründer des Euro vorgegangen sind, und wie viele Konstruktionsfehler
noch bereinigt werden müssen.

Es ist ein schlichter Managementfehler gewesen, wie er in jedem
Unternehmen passiert. Es wurde ein neues Konzept entwickelt - in
diesem Fall die Währungsunion. Und dieses Konzept wurde ohne
Rücksicht auf die vorhandenen Gegebenheiten der alten Struktur
übergestülpt. Die naive Begeisterung der Entscheidungsträger führte
dazu, dass alle annahmen, dass sich die Probleme dadurch selbst
erledigen würden. Niemand kalkulierte ein, dass es auch anders kommen
könnte: dass sich die interne Kluft weiter verstärkt.

Der Managementfehler lag in der Fusionierung äußerst
unterschiedlicher Währungskulturen, ohne deren interne Differenzen zu
beseitigen. Weichwährungsländer wie Griechenland oder Portugal
durften einfach ihre bisherige Lohn- und Wettbewerbspolitik
weiterführen, so, als könnten sie die dadurch entstandenen
Verwerfungen weiter durch Abwertungen ausbügeln. Der gesamten
Währungsunion wurde ein einheitlicher Zinssatz oktroyiert, ohne auf
die sehr unterschiedliche Kreditkultur zu achten. Plötzlich hatten
Länder wie Spanien oder Irland einfach zu billiges Geld.

Heute wird deutlich, dass die Komplexität einer gemeinsamen
Währungszone völlig unterschätzt wurde. Deutschland pochte von Beginn
an auf die Haushaltsstabilität der Teilnehmerstaaten und zwang den
Partnern ein enges Korsett an Defizitgrenzen auf. Lange ist behauptet
worden, dass die Währungsunion deswegen keine Regeln für einen
Staatsbankrott und keinen gemeinsamen Währungsfonds brauche. Diese
Fehlentwicklung wird mit dem heutigen EU-Gipfel in Brüssel immerhin
korrigiert.

Längst laufen aber auch Bemühungen an, die wirtschaftspolitische
Inkohärenz der Euroländer zu reparieren. Die Forderungen nach einer
gemeinsamen Wirtschaftsregierung, nach einer besseren Koordination
werden laut. Das Dumme daran ist bloß, dass es dafür eigentlich der
schlechteste Augenblick ist. Mitten in der Krise haben problematische
Länder wie Griechenland, Spanien oder Portugal kaum Optionen in der
Hand, um gegenzulenken. Sie können keine Steuern senken, um das
Wachstum anzukurbeln. Sie können Investitionen nicht in nachhaltige
Wirtschaftszweige umleiten. Sie können nur noch sparen, kürzen,
sanieren.

Was also tun? Die Schaffung eines Europäischen Währungsfonds ist der
erste Schritt in die richtige Richtung. Er wird dazu beitragen, dass
es tatsächlich zu einer Umschuldung maroder Staaten kommen wird.
Notwendig wird es aber auch werden, die Wirtschaftspolitik in der
Eurozone danach besser zu koordinieren. Naive Gleichmacherei wäre
dabei ein ähnlicher Managementfehler, wie er einst schon bei der
Gründung begangen wurde. Solange es unterschiedliche
Konjunkturentwicklungen gibt, sind unterschiedliche Rezepte für jedes
einzelne Euroland zu finden. Steuerharmonisierungen, Angleichungen
von Löhnen oder Sozialleistungen wären bloß zusätzliche Fesseln im
fragilen volkswirtschaftlichen System.

Sinnvoll wäre es zweifellos, die Wettbewerbsfähigkeit der Nachzügler
gemeinsam anzuheben und jenen wirklich essenziellen Fehlentwicklungen
entgegenzutreten, die einen Schaden für die gesamte Währungsunion
auslösen. Dies hieße beispielsweise, dass es nicht nur Warnungen,
sondern auch politische Druckmittel gegen Länder geben müsste, die
eine Immobilienblase oder korrupte Banken bedienen beziehungsweise
ihre Wirtschaft allzu einseitig ausrichten.

Für eine Einflussnahme auf Länder wie Griechenland oder Portugal wäre
dafür derzeit leicht ein Konsens in der EU zu finden. Doch - und das
muss allen klar sein - wird es auch einmal andere Länder treffen. Da
könnte plötzlich Deutschland gedrängt werden, seine Inlandsnachfrage
durch Steuersenkungen anzuheben, oder Österreich könnte gezwungen
werden, sein Pensionssystem endlich zu reformieren.

Unangenehm, sehr unangenehm wären solche Eingriffe in die nationale
Souveränität. Doch sie wären vor allem dann notwendig, wenn die
Verantwortlichen auf nationaler Ebene versagten. Wenn - um wieder den
Vergleich mit Managementaufgaben zu ziehen - kontraproduktive
Schrebergärten einzelner Abteilungsleiter in eine Teamarbeit
übergeführt werden müssen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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