• 12.12.2010, 18:23:25
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DER STANDARD-Kommentar "Schiffbruch (vorerst) abgewendet" von Julia Raabe

"Der Gipfel in Cancún bietet die Chance, das verlorene Vertrauen wieder aufzubauen" - Ausgabe 13.12.2010

wien (OTS) - Die Mannschaft eines leckgeschlagenen Schiffes hat
sich nach langem Streit darauf verständigt, nicht ertrinken zu
wollen. Eigentlich weiß zwar jeder, was zu tun wäre. Doch sie
beschließt, zunächst ein bisschen Ballast abzuwerfen und weiter
darüber zu diskutieren, wie man die Lecks stopfen kann - wofür es
immerhin schon einige Ideen gibt.

Jeder normale Passagier würde wohl angesichts dieser Lage die
Besatzung für verrückt erklären oder gänzlich in Panik geraten. Nicht
so die 194 Delegationen, die sich auf dem diesjährigen UN-Klimagipfel
in Cancún gerade auf genau so einen Kompromiss geeinigt haben: Sie
feiern das überschwänglich als einen Erfolg.

Kein Wunder: Man hatte ja schon fast fix damit gerechnet, Schiffbruch
zu erleiden. Wer in Kategorien des nationalen Interesses denkt, kann
auf eine gemeinsame Bedrohung nicht reagieren - das war die Lektion
aus dem gescheiterten Gipfel in Kopenhagen. Und auch in Cancún sah es
zunächst danach aus, als würden sich die Nationalstaaten nicht aus
dieser Logik befreien können.

Nun gibt es wieder etwas Hoffnung, eine Chance, weil sich die Staaten
zumindest auf einige Punkte des weiteren Fahrplans geeinigt haben:
Sie wollen die Erderwärmung auf unter zwei Grad begrenzen, den armen
Länder Geld für Klimaschutzmaßnahmen geben und die Entwaldung
stoppen.

Doch bisher sind das Absichtserklärungen. Wer das verloren gegangene
Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Nationalstaaten
wiedergewinnen will, muss diese Beschlüsse in den kommenden Monaten
in die Realität umsetzen - allen voran die Finanzhilfen für die armen
Staaten. Die Kluft zwischen Entwicklungs- und Industrieländern hat
die Verhandlungen schon viel zu lange blockiert.

Geschieht das nicht bis zum nächsten Gipfel im südafrikanischen
Durban Ende 2011, könnte dann schnell wieder alles auf dem Spiel
stehen. Denn die wichtigsten Fragen, die auch den Cancún-Gipfel fast
zum Scheitern gebracht haben, wurden wieder einmal aufgeschoben: Was
passiert, wenn die erste Verpflichtungsperiode des Kioto-Protokolls
ausläuft, das die Industriestaaten (bis auf die USA) dazu
verpflichtet, ihre Emissionen zu senken? Soll es eine zweite Periode
geben? Länder wie Japan und Russland winken jetzt schon ab. Wie weit
müssen große Schwellenländer wie China und Indien ihre Emissionen
senken? Und muss der neue Klimavertrag für alle rechtlich bindend
sein? Um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels abzuwenden,
muss es auch darauf Antworten geben.

Wie es auch anders gehen kann, zeigen Initiativen wie das Netzwerk
Klimaschutz-Modellregionen, in dem Oberösterreich Mitglied ist, oder
das von Kalifornien im November initiierte Klimabündnis "R20": Hier
haben sich jeweils Regionen aus aller Welt zusammengeschlossen, die
im Klimaschutz schneller voranschreiten als ihre nationalen
Regierungen. Der Klimawandel als Chance, lautet das Motto - vor allem
als eine wirtschaftliche.

Prognosen sagen in den kommenden Jahren Milliardeninvestitionen in
erneuerbare Energien voraus - 1,7 Billionen Dollar bis 2020, lauten
die Schätzungen. Wenn die Regierungen erkennen, dass eine
Vorreiterrolle beim Klimaschutz wirtschaftliche Vorteile bringt, wäre
das zwar nicht die Überwindung der nationalen Interessen. Aber diese
dienten dann durchaus dem Interesse der Menschheit.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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